Ein irischer Sommer

* * *


In den frühen Morgenstunden des 12. Juni 1973 färbte sich der Nachthimmel über den Feldern von County Mayo für wenige Sekunden in ein fantastisches Farbspektrum. Unterhalb der schroffen Klippen warf der aufgewühlte Atlantik das Licht wie ein zersplitterter Spiegel zurück in den Himmel und verwischte die Grenzen des Horizonts.  
Das Versinken einer silbrig glühenden Scheibe im Moor hinter der Scheune der Harrows Farm war kaum lauter als das Platschen des brackigen Wassers in weichem Boden. Einige Schafe kommentierten die Störung mit empörtem Blöken. Am Feldweg zum alten Fischerhaus lösten sich kleine Brocken aus der niedrigen Steinmauer und rollten ins Gras. Dann kehrte wieder Ruhe ein. Da und dort flammte Licht hinter gardinenlosen Fenstern auf.

Tom Harrow Senior stand in Gummistiefeln und Pyjama in der offenen Haustür und betrachtete den Himmel. Er spuckte aus, als wolle er etwas Bitteres loswerden, stopfte seine Pfeife neu und zündete sie an.
„Die Russen nehmen keine Rücksicht. Marga, hörst du? Die verdammten Kommunisten nehmen keine Rücksicht“, rief er über den Rücken ins Haus hinein.
„Sicher, Tom. So wie du keine Rücksicht auf deine Familie nimmst. Ham wir vier morgens, oder ist meine Uhr kaputt?“ Marga ließ ein trockenes Husten folgen. „Ich fahr wohl mal kurz zum Dorf und wieder zurück. Kann ehe nich mehr schlafen“, brummte Tom Harrow in seinen roten Bart und klopfte die Pfeife aus.
Im Juni ging die Sonne bei wolkenlosem Himmel nur wenige Stunden nach Mitternacht auf. Es dämmerte bereits, als sich etwas im Moor regte. Eine Hand erschien aus der dunklen, zähen Masse. Sie öffnete und schloss sich, als müsse sie diese Bewegung erlernen. Mit einem schmatzenden Geräusch folgte ein kahler Kopf, schwarz vor Schlamm, reglos, bis er sich ruckartig weiter aus dem Moor schob. Der Körper kam langsam zum Vorschein.

Er verharrte einen Moment reglos im schweren Morast. Unter ihm zog etwas nach unten. Schließlich zwängte er sich aus dem Moor.

Der Körper arbeitete sich in ungelenken Bewegungen nach oben, streckte sich, zog sich wieder zusammen, bis er mit zitternden Beinen auf einem mit Flechten überwachsenen Steinquader stand. Wasser und Schlamm glitten von ihm herab und sammelten sich zu dunklen Pfützen um seine Füße. Das Wesen senkte den Kopf, hob ihn wieder, drehte ihn langsam von einer Seite zur anderen. Es öffnete die beiden Augenlider. Es richtete die Aufmerksamkeit auf einige Grashügel oberhalb der zitternden Moorflächen, deren Ränder in der Morgensonne gelb schimmerten. Es sog Luft ein. Stockend. Dann löste es sich von dem Stein und setzte einen Fuß vor den anderen. Es ahmte das tiefe Seufzen einer menschlichen Brust nach und begann den Aufstieg zur Hügelspitze. Seine Bewegungen waren zunächst ungelenk, es probierte einige Gangarten aus, schob abwechselnd Schultern oder Brust vor und verfiel in einen leichten Dauerlauf. Hinter dem ersten Hügel zeichnete sich die dunkle Silhouette einer Scheune ab. Es blieb stehen.
Die Gestalt veränderte wieder seine Oberfläche, passte sich der Umgebung und dem Licht an und schlich der baufälligen Scheune entgegen.

Ein dumpfes Brummen erfasste den Körper des Wesens, dessen Schwingungen aus bedrohlicher Nähe zu kommen schienen. Eine gedämpfte Stimme erklang: „Verflucht, Madden, du weckst noch den ganzen Hof auf. Du bekommst dein Futter, sobald dieses Drecksteil anspringt.“ Dem folgte das gurgelnde Geräusch eines Anlassers.

Ein scharfer Duft kam auf und endlich sah es die Ursache: Ein mit zottigem Fell überzogenes, vierbeiniges Tier kauerte nur eine Armlänge entfernt im hohen Gras. Seine Augen fixierten den Fleck hinter der Scheune. Das Wesen bewegte sich nicht. Einen Moment lang starrten sie einander an. Dann jaulte der Hund auf, drehte sich ruckartig um und stob durch das offenstehende Tor in die Scheune.

* * *


Tom Harrow Senior hockte zusammengesunken auf einem kleinen Traktor und betrachtete das Fahrrad. Es lehnte noch immer an derselben Stelle, dort, wo es seit Jahren stand. Der Lack war an mehreren Stellen abgeplatzt, Rost hatte sich an den Speichen festgesetzt, und der Sattel war aufgequollen. Ein Reifen war platt, an der Lenkerstange klemmte eine Klingel, die dem Kopf eines Superhelden nachgebildet war. Tom wusste nicht, warum es noch dort stand.
Der Motor des Traktors sprang an und puckerte ungeduldig vor sich hin. Madden, der Hund, saß einige Schritte entfernt und winselte leise, ohne den Blick von der Scheunenwand zu nehmen.
„Was ist los mit dir?“, murmelte Tom und zog an seiner Pfeife.
Der Rauch vermischte sich mit den Abgasen des Dieselmotors. Tom kletterte ungelenk vom Fahrersitz, trat näher an das Fahrrad heran und stieß es mit der Stiefelspitze an. Er hätte es längst wegwerfen können. Tom sah zur offenen Tür der Scheune. Nichts rührte sich. Nur Schatten, Staub und der Geruch von altem Heu. Sein Hof. Er war nicht stolz darauf, dass er sein ganzes Leben hier verbracht hatte. Stolz war etwas, das man auf dem Land nicht gebrauchen konnte. Ebenso wie Träume. Das Tuckern des Dieselmotors erinnerte ihn an das Fischerboot, das er sich nie hatte leisten können. Das verdammte Fischerboot. Er grinste schief. Besser so, seine Leiche würde bei den anderen Harrows auf dem Friedhof liegen und nicht auf dem Grund des Atlantiks .
Er sah noch einmal zu dem Fahrrad.
„Du hättest es besser pflegen sollen“, sagte er, ohne genau zu wissen, was das für einen Sinn gehabt hätte.
Madden jaulte auf und sprang zurück.
Tom fuhr herum. „Jetzt reiß dich zusammen.“
Der Hund duckte sich und wich zurück, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt. Tom folgte seinem Blick zur Rückseite der Scheune. Dort, wo das Moor begann. Die Pfeife war erloschen. Er stellte den Motor wieder ab und verließ die Scheune. Die Spatzen hatten ihr Morgenkonzert begonnen und übertönten das ferne Läuten der Glocken aus dem Dorf.
Tom spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Das Fahrrad ... in seinen Träumen stand es nicht in der Scheune. Unwirsch schüttelte er den Kopf und spuckte aus. „Unsinn“, sagte er laut. „Reiner Unsinn.“
Er ging zur Scheunentür, schob sie ein Stück weiter auf und blickte hinaus. Staub tanzte im schrägen Morgenlicht. Eine alte Schaukel hing schlaff von der Eiche herab und ihr vergilbtes Holzbrett schimmerte feucht.
„Tom?“, rief Marga vom Haus herüber. Ihre Stimme klang dünn. „Kommst du?“
„Gleich“, antwortete er. Er straffte seinen Rücken, strich sich über seine borstigen Haare und zog gequält die Mundwinkel nach oben.
Der Hund rührte sich nicht.
Tom drehte sich um und ging langsam zum Haus zurück, ohne sich noch einmal umzusehen. Hinter der Scheune, im Schatten, verharrte etwas reglos. Es hatte beobachtet. Es hatte zugehört. Es würde bleiben.

* * *


„Wenn Gallagher glaubt, er bekommt im August drei Wochen, dann glaubt er auch an kleine grüne Männchen“, sagte Margaret Doyle, ohne aufzusehen. Sie knüllte ein lindgrünes Urlaubsformular zu einer Kugel und versenkte sie mit einem gezielten Wurf in einen der vielen Papierkörbe.

Der Antrag hatte nun seit drei Tagen auf ihrem Schreibtisch gelegen und damit die übliche Bearbeitungszeit erreicht. Oben rechts hatte in der Zwischenzeit jemand mit Bleistift ein fettes Fragezeichen gemalt, daneben fanden sich zwei harmlose Schimpfwörter. Auf der zweiten Etage der AWA ging es gesittet zu. Der Abteilung für Wetteranomalien konnte man vieles nachsagen, aber schlechte Arbeitsbedingungen gehörten nicht dazu.
Margaret sah auf die Uhr. Viertel nach neun. Eigentlich hätte der Ausdruck aus der Rechenstelle längst da sein müssen.

Am anderen Ende des Raums begann der Kopierer, mit jaulenden Geräuschen einige Vordrucke zu vervielfältigen. Der alte Potter stand daneben und beobachtete das Ganze mit einem skeptischen Gesichtsausdruck. Ein Ventilator, an dem ein Witzbold einen Nylonstrumpf geklemmt hatte, drehte tapfer seine Runden. Gegen die abgestandene Luft half das nicht. Das Gebäude lag in einem unauffälligen Industriegebiet am Rand von Galway, eingezwängt zwischen einer Lagerhalle für Düngemittel und einem Betonwerk. Von außen deutete nichts darauf hin, dass hier aus dem ganzen Bezirk Meldungen gesammelt wurden, für die sich weder Polizei noch Feuerwehr interessierten.

„Er will seine Familie in Donegal besuchen“, sagte Liam O’Connor.
Margaret verzog keine Miene. „Ist er nicht seit letztem Jahr geschieden?“
„Du solltest mal mit ihm ins Pub gehen. Dann bist du wieder auf dem Laufenden.“
„Was jetzt? Gab es am Ende ein Happy End?“
Liam nickte, und Margaret betrachtete nachdenklich den Papierkorb.

Sie zog einen der Aktenordner heran und schlug ihn auf. Die Seiten waren voll mit handschriftlichen Vermerken. Das übliche, Uhrzeiten und Ortsangaben mit bekannten Namen aus der ganzen Region. Diese Küste, der Hügel, hoch oben am Himmel ... seltsame Erscheinungen. Immer wieder dieselben Worte. Darunter, in einer sauberen, gleichmäßigen Handschrift, die Erklärungen der AWA:
Reflexion. Wetterballon. Militärübung. Die meisten Fälle ließen sich so schließen.

Das Telefon klingelte, und der alte Potter zuckte aus einem Halbschlaf auf und verschluckte sich an einem Hustenanfall.
Niemand reagierte sofort. Erst beim dritten Läuten hob Liam den Hörer ab, hörte kurz zu und verzog das Gesicht.
„Ja“, sagte er. „Ja, das haben wir notiert. Nein, Sir, wir können niemanden schicken. Nein.“
Er legte auf und machte eine Markierung auf dem Formular.
„County Clare. Wieder was am Himmel. Hat aus einer Kneipe angerufen.“
Margaret erlaubte sich ein Lächeln. „Dann ist es erledigt.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und ein junger Mann aus der Rechenstelle kam herein. Er trug einen Stapel Endlospapier unter dem Arm, die Lochränder noch ungetrennt.
„Der Batchlauf ist durch“, sagte er. „Gab ein paar Fehler.“
Margaret nahm ihm den Ausdruck ab. Die Seiten waren dicht bedruckt, Zeile um Zeile. Zahlen, Codes, Ortskürzel. Sie blätterte routiniert durch, ohne wirklich hinzusehen – bis sie innehielt.
„Moment“, sagte sie mehr zu sich selbst.
Sie ging die Seite zurück, dann noch eine. Ihre Finger folgten den Zeilen, verglich Uhrzeiten, Koordinaten und Küstenabschnitte.
„Liam“, sagte sie leise. „Wir haben hier drei Meldungen aus derselben Gegend innerhalb von zwanzig Minuten.“
Er trat näher. Beugte sich über das Papier und verglich die Einträge.
„Oh du Wunder der Datenverarbeitung“, murmelte er kaum hörbar.
Der Rechenstellenmensch trat nervös von einem Bein auf’s andere. 
„Das System hat nichts Auffälliges markiert“, sagte er. „Die Abweichung liegt innerhalb der Toleranz.“
„Welche Toleranz?“, fragte Margaret.
Er zuckte mit den Schultern. „Die, die wir eingestellt haben.“
Margaret nickte langsam.
„Dann sieht es das hier nicht“, sagte sie.
Margaret legte den Ausdruck flach auf den Tisch. Sie nahm einen Bleistift, machte mehrere kleine Markierungen neben den Einträgen und schrieb ihre Initialen dazu.
„Lassen Sie das noch mal durchlaufen.“, sagte sie. „Ohne Toleranz. Von jetzt an immer ohne Toleranz.“ Sie verwarf den Gedanken, dem Techniker verschwörerisch zuzuzwinkern.
Liam sah sie an. „Und wenn es wieder nichts erkennt?“
Margaret sah noch einmal auf die Meldungen. „Dann bleibt es liegen, wie üblich“, sagte sie. 
Der Kopierer verstummte endlich. Der Ventilator drehte weiter seine Runden. Von der Straße ertönten ein wütendes Hupen und aufgeregte Stimmen. 
„Es ist zu heiß für diese Zeit. Die Leute sind nervös. Manchen bekommt das nicht.“ Margaret schob den Ausdruck auf den Stapel unbearbeiteter Meldungen und klappte den Ordner zu.

* * *


Nora Harrow stand hinter dem Fenster ihres Zimmers und blickte auf den Hof.  Über den Klippen waren keine Möwen zu sehen. Von der neugebauten Regionalstraße waren die Fernlastwagen verschwunden und hinterließen eine sonntägliche Ruhe.
Unten im Haus hustete ihre Mutter. Ein trockenes Geräusch, das in den letzten Monaten häufiger geworden war. Nora wartete einen Moment, dann zog sie sich an und ging die schmale Treppe hinunter.
In der Küche saß ihr Vater bereits am Tisch. Er trug seinen einzigen Anzug, in dem er Margaret geheiratet hatte, einmal in der Woche die Wolle in der Stadt ablieferte oder in der Bank um einen neuen Kredit oder Aufschub bat. 
Marga stand am Herd und stützte sich mit beiden Händen auf die Arbeitsfläche. Ihr Blick ging ins Leere.
„Hast du schlecht geschlafen?“, fragte Nora.
„Es war unruhig draußen“, sagte Marga. „Irgendwas war am Himmel.“
Tom sah auf. „Der verdammte Traktor wollte nicht anspringen. So was hat man alles schon gesehen“, sagte Tom. „Im Fernsehen. Wenn etwas in der Luft ist.“
Marga zuckte mit den Schultern. „Ich habe nur Licht gesehen. Kurz.“
„Madden muss auch was gesehen haben“, fuhr Tom fort. „Er war wie närrisch am Morgen. Als ob sich was herumtreibt.“
Nora setzte sich. „Was für ein Licht?“
„Bunt“, sagte Tom. „Und hell. Nicht wie ein Flugzeug.“
„Dafür war es zu still“, fügte Marga hinzu. „Es war für einen kurzen Moment überall.“
Es klopfte an der Tür. Seán Murphy steckte den Kopf herein, den Hut noch auf.
„Wie siehts aus?“, sagte er. „Wenn ihr mitwollt, dann jetzt. Der liebe Gott wartet nicht.“ Er zuckte zusammen und verzog das Gesicht zu einem entschuldigenden Grinsen. Tom nickte sofort und Marga band sich ihr Kopftuch um, obwohl es nicht kühl war.
Als sie das Haus verließen, blieb die Tür offen. Nora war dagegen, sie nicht abzuschließen, sagte aber nichts. Auf dem Land schloss man Türen nur, wenn man verreiste. Und selbst dann nicht immer.

Vor der Kirche standen bereits einige der Männer zusammen. Ihre Stimmen waren gedämpft, auf den Köpfen trugen sie ihre guten Hüte. Die Frauen standen abseits, auch sie in einem Flüsterton verfallen. Als Tom dazukam, wandten sich mehrere der Männer zu ihm, hoben ihm ihre rauchenden Pfeifen zum Gruß entgegen oder zeigten mit einem breiten Grinsen ihre Zähne. Er war keiner von ihnen. Fischer, Ladenbesitzer, der Mechaniker, den er wegen des Traktors ansprechen musste, der Dorflehrer. Es gab nicht mehr viele Farmer in der Gegend. Die Fischerei hatte die Gegend fest in der Hand, daran konnten auch die kilometerlangen Klippen nichts ändern. Tom grüßte zurück.
„Habt ihr’s also auch gesehen?“, fragte einer.
„Kurz“, sagte Tom. „Über dem Moor.“
„Bei uns war’s mehr Richtung Küste“, sagte ein anderer. „Wie ein Streifen. Und dann weg.“
„Kein Geräusch“, sagte Seán. „Das ist es ja.“
„Vielleicht das Militär“, meinte jemand.
„Oder die Amerikaner“, sagte ein anderer und lachte kurz auf, wie ein kehliges Gackern, das lustiger war als seine Bemerkung.
Tom schnaubte. „Die haben so was nicht nötig. Tippe auf Breschnew, der kann es gar nicht erwarten, unsere Footballklubs zu übernehmen.“
Nora war nähergetreten. Sie hörte zu, sagte aber nichts. Sie sah in die Gesichter. Niemand wirkte sonderlich aufgeregt, niemand lachte über Toms Bemerkung. 
Die Glocke rief zum Gebet, und die Gespräche verebbten. 
Die Kirche war kühl. Nora setzte sich neben ihre Mutter. Ihr Vater nahm auf der anderen Seite Platz. Der Priester begann zu sprechen. Seine Geschichten und ihre Worte wiederholten sich, und das war beruhigend. Sie hörte kaum zu.
Nora dachte an die Nacht. Nicht an das Licht selbst, sondern an das Gerede darüber. Wie schnell etwas Teil des Alltags wurde, wenn genug Leute ihre Meinung darüber ausgesprochen hatten.
Als sie später wieder in Seáns Wagen stiegen, war Marga erschöpft, aber ruhiger. Die Fahrt zurück schwiegen sie, während Sean unentwegt über das verlorene Match der Ballycroys lamentierte. Im Radio lief etwas von den Beatles, und Sean schaltete es aus.
„Darf ich es wieder einschalten?“, fragte Nora.
„Es klingt so traurig, deswegen“, antwortete er und wand den Kopf nicht von der Straße, während er das Radio einschaltete.
„Es gefällt mir.“

Das Haus empfing sie still, wie eine Kopie der Kirche, nur ohne Erlösung.
Nora ging als Erste hinein. Alles war, wie sie es verlassen hatten. Und doch hatte sie das Gefühl, dass einem befällt, kurz bevor man etwas sucht. Eine Unruhe. Oder besser: Die stille Vorfreude des Wiederfindens.

In ihrem Zimmer lag das Heft auf dem Tisch. Sie setzte sich und schlug es auf.
Nora hatte das Heft nicht angefangen, um sich zu erinnern. Erinnern geschah von selbst. Sie hatte es angefangen, weil sie es nicht aushielt, dass Tom nur noch in dem alten Kram vorkam, von dem ihre Eltern sich nicht trennen konnten.
Am Anfang hatte sie versucht, über ihn zu schreiben. Das hatte nicht funktioniert. Vielleicht hatte es funktioniert, aber nicht gereicht. Also hatte sie irgendwann aufgehört, über Tom zu schreiben, und angefangen, als Tom zu schreiben. Nicht weil sie glaubte, ihn besser zu kennen als er sich selbst. Sondern, weil sie ihn sonst endgültig verlor. Jeder in diesem Haus ging anders mit dem Verlust um, gab sich einer anderen Schuld oder Hoffnung hin. Für ihre Mutter gab es nur die Flucht in die Erinnerung. Toms Zimmer, alle seine Sachen, selbst die Zahnbürste in der Waschküche waren Relikte, die es zu bewahren galt. Nora fürchtete den Tag, an dem Margaret am Abendtisch Teller und Besteck für ihren Sohn bereitstellte. Für Nora lebte Tom weiter in ihren Tagebucheinträgen. Sie ließ ihn sprechen, erleben, sie ließ ihn schreiben.
Sie las den letzten Eintrag und begann dann, weiterzuschreiben.

Heute war es wieder neblig morgens. Nicht richtig Nebel, mehr so feucht.
Ich war zu spät dran und bin schneller gefahren als sonst.
Dad hat gesagt, ich soll das Licht am Rad reparieren.
Ich habe es noch nicht gemacht. Es ging auch so.
Am Moorweg war es still. Zu still eigentlich.
Ich bin ganz langsam gefahren. Weiß nicht warum.
Ich dachte, ich habe was gehört. Vielleicht auch nicht.
Ich hätte was sagen sollen. Schreien?
Oder wenigstens stehen bleiben.
Es war nichts da. Also bin ich weitergefahren.

In der Schule war alles normal. Mathe. Dann Englisch.
Mary Collins hat mich angelächelt. 
Ich habe nicht zurückgelächelt. Weiss nicht, warum.

Auf dem Heimweg habe ich extra nicht hingesehen.
Ich dachte, wenn ich nichts sehe, ist auch nichts da.
Das war dumm.
Manchmal denke ich, ich bin mutiger, als ich zeige.
Heute war ich kein Superheld. Angst zu haben, ist manchmal gar nicht so   falsch. 

Wenn ich das nächste Mal dieses Gefühl habe, bleibe ich stehen. 

Auch wenn ich dann zu spät nach Hause, in die Schule oder wohin auch immer  komme. 

Ich will nichts verpassen.

 

Nora legte den Stift beiseite. Sie klappte das Heft zu, ließ die Hand noch einen Moment darauf liegen. Es war immer dasselbe. Immer der gleiche Augenblick. Er füllte für sie das Loch, das ihre Eltern offenbar akzeptiert hatten.

Manchmal erfand sie neue Geschichten aus dem Leben ihres Bruders, das sie doch nur beiläufig mitbekommen hatte. Jeder lebt sein eigenes Leben, und sie war schließlich vier Jahre älter gewesen. Andererseits hatten sie miteinander geredet. Es war nicht so gewesen, dass sie sich fremd gewesen wären. Sie war ihm damals dankbar, dass er nicht ständig davon sprach, das Dorf zu verlassen. So wie es die meisten Jugendlichen im Ort taten, die es kaum erwarten konnten, dieser Einöde den Rücken zu kehren. Die nach Dublin flüchten wollten; und wem das zu weit vorkam, wollte nach Galway. Tom war sich nicht sicher, was er wollte. Ein Zustand, der Nora nun vertraut war.
Ihr Blick fiel auf die kahlen Wände ihres Zimmers. Sie hatte die alten Poster entfernt. Das war nun zwei Wochen her, und seitdem gewöhnte sie sich an die raue Oberfläche des verputzten Lehms. Dahinter befanden sich massive Steine. Dieses Haus widerstand jedem Sturm, dessen war sie sich sicher. Man konnte sich darin geborgen fühlen. Sie hatte dieses Gefühl eingetauscht gegen eine Sehnsucht, gegen den Wunsch nach Veränderung. Die Poster waren ein erster Schritt gewesen. Sie hatten ihre Zeit gehabt. Im Herbst würde sie ihre Ausbildung abschließen. Bis dahin musste sie sich entscheiden, ob sie sich für eine Stelle bei der Bank in Galway bewarb oder die Nachfolge der alten Miss Heather antrat, die im Dorfladen die Rechnungen schrieb und dort für alles Organisatorische zuständig war. Diese Stelle war ihr sicher. Ein Wort genügte. Sie könnte in diesem Steinhaus bleiben, bei ihren Eltern, nebenbei auf dem Hof helfen und ihr Tagebuch schreiben. Und alles würde so bleiben. In Galway müsste sie eine kleine Wohnung mieten. Dort lebten andere, die gegangen waren. Sie hatte sich noch nicht entscheiden können. Hatte gewartet, dass irgendetwas ihr diese Entscheidung abnahm. Sie stand auf und trat an das Fenster. Ihr Blick wanderte über das Moor. Wie immer.

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