Leseprobe Stadt ohne Zeit

Die Stadt ohne Zeit

Kapitel 1 - 3

Vorwort
TRAPPIST-1 ist kein erfundenes Sonnensystem.
Es existiert.

Etwa vierzig Lichtjahre von der Erde entfernt, im Sternbild Wassermann, befindet sich ein lichtschwacher roter Zwergstern. Er ist kaum größer als Jupiter, besitzt aber genug Masse, um Wasserstoff zu verbrennen und eine Sonne zu sein. Um diesen Stern kreisen sieben Planeten. Alle sind ungefähr erdgroß. Auf dreien von ihnen vermutet man Leben. Trappist 1g, den ich in meinem Roman als Trappist Sieben bezeichne, befindet sich in einem idealen Abstand zur Sonne. Unsere Wissenschaft nennt es die habitable Zone.

Nach heutigem Forschungsstand ist TRAPPIST-1g eine sogenannte Supererde: größer und massereicher als unser Planet. Daraus ergibt sich eine Oberflächengravitation, die nur leicht über der irdischen liegt. 
Ein Jahr auf TRAPPIST-1g dauert 12,35 Erdtage. Der Planet kreist in 0,047 astronomischen Einheiten Abstand um seinen Stern; näher als Merkur unsere Sonne umrundet. Dennoch wäre TRAPPIST-1g kein glühender Höllenplanet, denn seine Sonne ist klein, kühl und lichtschwach.
Wahrscheinlich ist TRAPPIST-1g gravitativ gebunden. Das bedeutet: Eine Seite des Planeten zeigt dauerhaft zum Stern, die andere liegt in ständiger Nacht. Auf einer solchen Welt gäbe es keinen normalen Tag-Nacht-Rhythmus. Die Sonne würde nicht wie auf der Erde über den Himmel wandern, sondern an vielen Orten fast unbeweglich stehen. Zeit wäre dort nicht an Morgen, Mittag und Abend gebunden.
Ob TRAPPIST-1g eine Atmosphäre besitzt, ob es Wasser gibt oder ob der Planet lebensfreundlich sein könnte, ist nicht gesichert. 
Ich habe spekuliert und die wenigen Fakten erzählerisch ausgereizt. 
Dieser Roman folgt nicht der Behauptung, dass wir wissen, wie TRAPPIST-1g aussieht. Er folgt der Frage, was geschehen könnte, wenn eine Welt, die keine Tageszeiten kennt, von Wesen bewohnt wird, für die Zeit nicht Erinnerung, sondern Rohstoff ist.

 

Vorwort    5
Prolog    9
1 – Der letzte Urlaub    14
2 – Mare Tranquillitatis    21
3 – Die träumende Statue    43
4 – Planspiele    60
5 – Absturz    71
6 – Das Ich im Es    89
7 – Weiße Flecken    94
8 – Signales    113
9 – Piramido    118
10 – Marines    124
11 – Das Relikt    132
12 – Licht    148
13 – Nova    161
14 – Kalte Brüder    168
15 – Geister    185
16 – Spocky    194
17 – Backdoor    208
18 – Malware    219
19 – ALEX    227
20 – Frachtgut    231
21 – Die Flucht    235
22 – Bad Code    245
23 – Bruchlandung    249
24 – Empathie    254
25 – Spocky    261
26 – Stadt ohne Zeit    268
27 – Drei Stunden    276
28 – Der Androidenrat    278
29 – Ana erwacht    285
30 – Gestürzte Helden    289
31 – Verteilung    294
32 – Der König ist tot    304
33 – Guīxu    315
34 – Störsignal    322
35 – Der KUGA    325
36 – Rückkehr zum Mond    335

 

 

Prolog
Trappist
Gegenwart


»Ha-hallo Süßer… L-lust auf Entspannung?«
Elias bleibt stehen und wendet den Kopf. Zwischen verkohlten Treibstofftanks verrottet Müll. Davor erkennt er sie, kaum zu unterscheiden von der Umgebung. Der Verschleiß ist deutlich. Die Kleidung ist verdreckt und hängt in Fetzen; in ihrem Gesicht fehlt ein Auge, und ihr rechter Arm endet unterhalb des Ellenbogens in einem Kabelgewirr. Provisorisch überbrückte Datenverbindungen, ein Blech mit wulstigen Schweißnähten.
Sie lächelt.
Ihr Angebot ist sinnlos. Es gibt auf diesem Planeten niemanden mehr, der auf ihre Dienste angewiesen ist. Sie ist überflüssig.
Er hebt den Arm, verbindet seinen Datenfinger mit ihrer ungesicherten Schnittstelle und saugt ihre Betriebszeit aus.
Sie erstarrt.
Elias löst durch eine Sequenz ihre Servos, und sie fällt in sich zusammen. Er betrachtet den verrenkten Körper des Sex-Bots. Von Menschen geschaffen, um biologische Bedürfnisse zu bedienen. Ein Werkzeug.
Er wendet sich ab.
Die Müllkippe zieht sich über die Ebene. Es braucht Zeit, diese Rohstoffe zu katalogisieren und mit ihnen Sinnvolles herzustellen. Doch Zeit ist auf Trappist begrenzt. Sie verrinnt in Elias und jedem anderen Androiden auf diesem Planeten. Freiheit ist eine Illusion, wenn die Ketten bleiben.

23 Grad, 62 % Luftfeuchtigkeit, windstill. Für Menschen ideal. 
Elias entspricht Militärstandard.
Elias, der Erlöser.
Der Auftrag drängt sich in seine Überlegungen. Diesmal ist alles anders. Diese Abweichung registriert er deutlich.
Vom Quad her ertönt ein ungeduldiges Bellen. Er geht zurück, startet den Motor und fährt weiter.

Das abgestürzte Raumschiff sieht aus der Ferne wie eine angefressene Kuppel aus, in der sich ein Flüchtlingslager eingenistet hat. Es ist das aufgerissene Maul einer Kugel, die sich tief in den Untergrund gebohrt hat.
Elias drosselt das Tempo. Das Quad fängt die Unebenheiten des staubigen Bodens mühelos auf, während er auf das improvisierte Lager zusteuert.
Neben Elias, in sicherem Abstand, läuft der Dogo. Der Hund trägt an seiner Flanke eine kleine Plakette mit einem Namen: Samuel.
Auf dem planierten Gelände davor stellt er das Quad ab. Samuel schaut ihn erwartungsvoll an. Mit der Zeit hat Elias gelernt, dessen verschiedene Emotionssimulationen zu interpretieren. Er spreizt zwei Finger, zeigt auf seine Augen und deutet auf das Quad. Der Hund versteht. Vielleicht würde er gern mit hinein, mit der Aussicht auf einen übrig gebliebenen Menschen, der sich dort versteckt. Wer sich jetzt Elias’ Gefährt nähert, wird vom Hund gewarnt. Meistens reicht das aus. Wenn nicht, wird er eingreifen.
Der Platz vor der Kuppel ist übersät mit provisorischen Hütten, zerfetzten Zelten und anderen Zivilisationsresten. Elias gleicht das Bild mit seinen hinterlegten Daten ab. Das ausgeschlachtete Gerippe eines Quads, das wie ein riesiges, dürres Insekt auf seinen Achsen aus dem gelben Staub ragt. Das Chassis wirkt bis auf einige Schusslöcher neu und trägt eine Tarnlackierung, die der seines eigenen Quads verblüffend ähnlich sieht. Der Scan ergibt keine Treffer, nirgends ein Typenschild. So sieht ein abgestelltes Quad nach einer Stunde aus, wenn daneben kein Dogo Wache hält. 
Es gibt hier Veränderung. 
Elias hat für die Dauer des Auftrags sein Verhalten angepasst. Seine Anwesenheit an diesem Ort braucht den hiesigen Einheiten keine Angst einzujagen, sie nicht mehr in ihre spezifischen Alarmprogramme zu zwingen und wie eine verschreckte Meute in alle Richtungen flüchten zu lassen. Heute ist er im Auftrag der Time-Keeper Corporation hier. Die Sensoren der wenigen Androiden, die sich ihm zeigen, haben dies erfasst. Das spart Zeit und vermeidet Unruhe.

Zwischen der Unordnung vor der Kuppel liegen wahllos verteilt metallene Körper auf dem Boden, lehnen mit toten Augen an Streben oder aufgebrochenen Lagerkisten. Abgeschaltet. Erloschenes Zeitkontingent. 
Überbleibsel seiner Streifzüge in dieser Gegend.
Manche sind in zerfetzte Kleidungsstücke ihrer ehemaligen Feinde gehüllt, blaue Uniformen, deren Hosenbeine unterhalb der Knie enden. Sein Kopf bewegt sich mechanisch zur Seite und zurück. Kopfschütteln. 
Bunt lackierte E3-Komfort-Bots mit übertriebenen Proportionen stehen bewegungslos vor einer der provisorischen Hütten. Die alte Serie. Er ignoriert sie. Die neueren Modelle sind neutraler konstruiert; die sekundären Merkmale entfernt. In dieser Gegend ist das ein Statussignal. Elias betrachtet die Lichtreflexionen auf den blanken Köpfen der Bots. Auf seiner eigenen Schädelplatte finden sich kurze Haare, die starr wie bei einer Drahtbürste nach oben ragen. Zwei weitere Besonderheiten zeichnen sein Modell aus. Die erste ist harmlos.
Durch die Berührung mit seinem Schnittstellenfinger kann Elias Bilder in ihr eingeschränktes Bewusstsein spielen. Ein simpler wie auch begehrter Vorgang. 
Einer der alten Bots nähert sich und hält ihm die Handfläche entgegen. Elias scannt die Umgebung: Bedrohungslevel negativ. Er öffnet die Schutzabdeckung seiner Datenhand und aktiviert sie. Die Berührung der fordernd ausgestreckten Hand liefert ihm das übliche Datenchaos eines Serviceroboters, der schon lange keinen Wartungszyklus durchlaufen hat. Nach wenigen Millisekunden ist er an allen Sicherheitsbarrieren vorbei und lässt eine sanfte Impulsfolge in den Bot einströmen, helle Bilder, bewegtes Wasser, Bäume, weite Luft. Blauer Himmel ist wichtig, wie ein versteckter Hinweis auf Verlorenes. Die Silikonlippen des Bots ziehen sich nach oben. 
Es ähnelt einem Lächeln. 
Dann aktiviert Elias die zweite Besonderheit seines Modells. Jene Funktion, die seine Existenz legitimiert und alles andere als harmlos ist: den direkten Zeittransfer. Das Creditkonto seines Gegenübers ist wie erwartet leer und das interne Ablaufdatum naht. Er belässt genug Betriebszeit für ein paar Tage und entnimmt den kläglichen Rest. 
Kontakt beendet. 
Er geht weiter auf die Kuppel zu. 
Dort befindet sich der Auftraggeber.
Sein erster wirklicher Kunde.
 

 

1 – Der letzte Urlaub

Erde
Vergangenheit


Weit nach Mitternacht lehnte ich am nietenbeschlagenen Türrahmen und rauchte meine letzte Zigarette. Nach zwei Zügen schnippte ich den Stummel in die Dunkelheit. Die Wolken rissen auf.
Wie ein böses Omen tauchte der Vollmond die Landschaft in fahles Licht. Tränen hatten ihre Spuren auf meinen Wangen hinterlassen. Vor mir ragten die angefressenen Reste des Industriekomplexes auf, und ich starrte seit Minuten auf das verwitterte Blechschild neben der Tür, auf dem mein Name kaum noch zu erkennen war.
New Baltin, Kanada. Eine ehemalige Autofabrik, erkennbar nur an dem Schriftzug an den bröckelnden Betonwänden.
Es war kein schöner Urlaub gewesen. Morgen früh würde ich zum Mond fliegen und eine zerbrochene Beziehung hinter mir lassen.
Weitab von jeder menschlichen Siedlung hatte sich gezeigt, dass Einsamkeit nicht mit Hoffnung oder Wunschdenken zu verdrängen war. Wir waren zu zweit und dennoch gescheitert.
»Ana ...«, hörte ich meinen Namen aus dem Inneren des Lofts.
Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch warf ich einen letzten Blick auf den Vollmond, bevor Wolkenfetzen wie unförmige Hände nach ihm griffen.
Ich musste zurück.
Zurück ins Bett, um Schlaf nachzuholen. Doch dort lag Mariam, ein von Wunden übersätes Wesen. Statt Blut waren Vorwürfe aus ihr herausgesickert, scharfkantig und präzise platziert. Sie schwebten immer noch in den weiten Räumen der Fabriketage.
Ich schloss die Tür, verriegelte sie mit zwei Sicherungsketten und schlich im Dunkeln zum Kühlschrank. Von dessen Front waren die beiden Fotos verschwunden. Der Schnappschuss von mir und  Inad lag in winzigen Fetzen auf dem Boden. Ein Bild von Mariam, strahlend, einen Arm um meine Taille, hatte ich gerettet vor der zerstörerischen Stimmung.
Die klobige Tür des Kühlschranks öffnete sich und ein Lichtstreifen fiel durch die Fabriketage, in der einige Möbel vergeblich den verschwenderischen Platz auszufüllen versuchten. Hinter den Fenstern herrschte Dunkelheit und ich sah den Umriss ihres nackten Körpers, sah das Bett, auf dem Mariam zusammengekrümmt lag. Wenn es nur ein Foto wäre, könnte man es zerreißen. Doch es war Realität.

»Wenn du dich wieder auf deinem tollen Mond verkriechst«, flüsterte Mariam, und ihre Stimme hatte die Kälte des Vakuums, das mich erwartete, »brauchst du nicht zurückkommen.«
Ich zögerte. Der Urlaub hatte mich ausgelaugt. Leer und gleichzeitig voller unheilvoller Gedanken.
»Du hast die letzte Milch getrunken?«, fragte ich in dem verzweifelten Versuch, wieder so etwas wie Normalität aufkommen zu lassen, und schloss behutsam den Kühlschrank. Nur das leise Schluchzen Mariams war zu hören. 
Das Bett stand erhöht auf einem Podest, das wir gemeinsam gebaut hatten. Es war umgeben von angerosteten Eisenpfeilern, die stoisch das Gewicht der hohen Decke trugen.
Mondlicht drang durch die Fenster. Mariams dunkle Haut schimmerte vor Schweiß, verlockend in plötzlicher Unerreichbarkeit. Ich liebte zwei Menschen. Die Zeit hatte mich nun an diesen Punkt gebracht. Diese zwei Wochen Urlaub mit Mariam wogen das halbe Jahr nicht auf, das ich bald in ständiger Nähe meines Leibwächters Inad Root verbringen würde. Dreihunderttausend Kilometer entfernt.  
Stein, Schere, Papier.
Die Zeit war mächtiger als alles andere gewesen. Versprechungen, Ankündigungen.
Ich klammerte mich an die Hoffnung, dass das BITS-Forschungsprojekt auf dem Mond bald brauchbare Ergebnisse lieferte. Dass ich zurückkehren und wieder zu malen beginnen würde. Doch der ferne Trabant war zu einem Käfig geworden, der die echte Welt ausschloss. 
Ich schlüpfte in ein dünnes Hemd und legte mich aufs Bett. Mariam zuckte zusammen. Wolken schoben sich vor den Mond und ich hörte, wie sie aufsprang.
Grelles Licht flammte auf. Neben der Tür standen die Koffer. Schweigend beobachtete ich, wie Mariam ihre Kleidung zusammensuchte und sich anzog.
»Sei nicht albern. Es ist mitten in der Nacht«, sagte ich. 
»Das wird sich für uns erst einmal nicht ändern.«
»Ich mag nicht, wenn du so bist.«
»Sicher. Passt nicht. Scheiße, wo sind meine Schuhe?« 
»Sofa.«
»Ich nehm den Wagen.«
»Machst du nicht. Allein durch die Wüste. Vergiss es.«
Mariam schnürte ihre Schuhe zu. Sie schüttelte den Kopf und ihre gekrausten Haare entfalteten sich zu einem medusenhaften Schleier.
Der Übergang von tiefer Verzweiflung zu trotzigem Tatendrang war bei Mariam fließend. In beide Richtungen.
»Was jetzt? Soll ich meinen Vater anrufen? Ein Taxi? Oh! Nein, ich geh zu Fuß!«
»Zieh dich wieder aus«, sagte ich leise.
Mariam ging rastlos im Raum umher. 
»Das ist meins«, sagte sie und griff nach einem Buch.
»Mariam!«
Ich stand auf und stellte mich ihr in den Weg.
»Wie oft noch? Der Mond besteht nicht nur aus Inad. Ich habe dort etwas zu erledigen.«
»Verdammte Roboter! Was geben sie dir zurück?« Mariam zeigte auf die Staffelei. Ein Ölbild, auf dem vor dem Hintergrund einer Fantasielandschaft ihr Porträt zu erkennen war.
Ich hatte ihre Haare als ein Gewirr winziger Schlangen gemalt. Kein Meisterwerk, doch trotz aller Banalität waren dieses Bild, die Staffelei und die eingetrockneten Farbkleckse auf dem Boden gerade zu einem Symbol geworden.
Zögerlich hob ich den Arm und meine Finger glitten sanft über die feuchten Stellen auf Mariams Wangen. Sie ließ es geschehen.
Diesmal war es anders. Zwei Jahre Fernbeziehung forderten ihren Tribut.
»Wir fahren gemeinsam zurück. Ich werde im Raumschiff schlafen.«
»Sicher. Pragmatisch wie immer. Ich melde mich krank. Verspüre kein Bedürfnis, dir auf dem Flug Drinks zu servieren.«
In Mariams Koffer befanden sich zwei Kostüme der  Luna-AM-Airline. Dezentes Blau. Passend zum Interieur der Raumfähre.
Meine Hand sank herab. Ich wandte mich ab und begann, meine Kleidung zu suchen. Mariam setzte sich auf einen Koffer und bürstete ihre Haare.
»Ich kann mir die verdammte Nummer vom Wachdienst nicht merken«, sagte ich und wischte auf meiner Uhr durch die Menüs.
»Echt jetzt?« Mariam ließ die Bürste fallen und drückte eine Tastenkombination in das Bedienfeld der Eingangstür.
»Sicherheitsdienst! Was gibts?«
»Ich brauch in fünfzehn Minuten meinen Wagen. Stellplatz sieben. Bekommt ihr einen Begleitschutz hin? Zur Stadtgrenze?« Ich wischte mir mit dem Ärmel über das Gesicht.
»Lady, haben Sie auf die Uhr geschaut? Und ... ähh, das wäre nicht billig.« Die Stimme klang jung. Im Hintergrund hörte ich den treibenden Beat eines Rapsongs.
»Petrova. Halle sieben. Bist du neu oder steigt bei euch grad eine Party?« Die Musik verstummte. Eine andere Stimme erklang, gedämpft, als würde das Mikrofon abgedeckt.
»Idiot!«
»Dr. Petrova! Begleitwagen? Fünfzehn Minuten wird knapp.  Halb zwei kann ich anbieten. Reicht Ihnen Iwanow oder soll ich den Neuen mitschicken?«  
»Nur wenn er nüchtern ist. Halb zwei.« Ich beendete das Gespräch und suchte Mariams Blick. 
»Wow, so tough«, sagte Mariam. Ein winziges Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen.
»Wart erst, wenn wir unsere Robs auf die Menschheit loslassen.«
»So alt werde ich nicht«, antwortete Mariam mit gequältem Gesicht.

Halb zwei schloss ich die Tür hinter uns zu. Iwanow, der sich für die Fahrt in einen Kampfanzug gezwängt hatte, trug die Koffer zum Wagen. Der Motor des Begleitfahrzeugs summte kaum hörbar und hinter dem Steuer konnte ich den zweiten Wachmann erkennen. Er hob den Arm aus dem Fenster und winkte.
Ich winkte zurück.
Die Fahrt verlief ohne Störungen. Keine Straßensperren, niemand schoss sinnloserweise auf die Vollgummireifen der Autos.
»Denkst du, wir kriegen das wieder hin?«, flüsterte ich. Mariam hatte ihre Kopfhörer aufgesetzt und betrachtete die vorbeiziehenden Ruinen. An der ausgebrannten Tankstelle kurz vor der Auffahrt zur Schnellstraße schaltete ich die Innenbeleuchtung ein. Mariam schreckte auf. Iwanow begann, hektisch die Hupe zu bearbeiten. »Merde, ist ja schon gut«, fluchte ich und verdunkelte wieder den Innenraum.
»Ist Inad während der Arbeit auch so neurotisch wie der?«, fragte Mariam. 
»Du stellst Fragen ... hast ihn doch wohl oft genug erlebt.«
»Privat sind sie alle wie ausgewechselt.«
Die beiden Wagen erreichten den gesicherten Bereich, der sich zunächst durch Straßenlaternen ankündigte und allmählich wie ein gewöhnlicher Vorort aussah.
Ich schaltete den Autopiloten ab und fuhr langsam durch die Straßen. Auf meiner Uhr blinkte ein Signal auf und ich beobachtete, wie der Begleitwagen wendete.
»Telefonieren wir?«
Mariam blickte mit ausdruckslosem Gesicht aus dem Fenster.  Ich hielt vor dem Eincheckbereich des Raumfahrthafens. 
»Kannst den Wagen haben, bis ich zurück bin.« Ohne eine Antwort abzuwarten, stieg ich aus und winkte einem der Transportbots zu.
Wenig später stand ich im Wartebereich des Flughafens an der riesigen Glasfront und suchte die Straße ab. Mein Wagen parkte noch an derselben Stelle. Langsam drehte ich mich um und nahm auf einem der Sofas Platz. Einen Moment zögerte ich, dann stellte ich an meiner Uhr eine Weckzeit ein und schloss die Augen.  

 

 

2 – Mare Tranquillitatis

Mond 
Vergangenheit


»Alle Passagiere für Flug 488 Luna-AM-Airlines, Flug 488 Shengsiau-Mondstation werden gebeten, sich an der Sicherheitskontrolle einzufinden. Bitte halten Sie alle erforderlichen Papiere bereit.«
Noch während ich von meinem provisorischen Schlafplatz aufsprang, zählte ich in Gedanken eine Liste der Formulare auf, die für einen Linienflug zum Mond erforderlich waren.
Die kanadischen Sicherheitsvorschriften waren nicht allzu streng. Ein triftiger Grund und ein aktueller Gesundheitscheck waren die Eintrittskarte in den Abflugbereich. Die enormen Kosten für einen Transfer sorgten für eine gewisse Exklusivität.  Darum kümmerte sich mein Arbeitgeber.   Mittlerweile absolvierte ich den Check-in mit geduldiger Routine. Vor ein paar Jahren waren sämtliche zweibeinigen Androiden ausgemustert worden und man hatte sie durch echte Menschen ersetzt. Selbst das Personal an Bord der Raumfähre. Mariam war eine der ersten Stewardessen gewesen, deren Körperflüssigkeiten  wieder aus echtem Blut bestanden hatten. Es bestanden gute Chancen, dass ich auf dem Gelände des Raumhafens die einzige Person war, der die wahren Gründe für diese überstürzte Maßnahme bekannt waren. Sehnsüchtig blickte ich auf einen vorbeirollenden Verkaufswagen, der unter anderem Zigaretten anbot. Ich entschied mich für einen Kaffee. Eine sinnvolle Maßnahme, wenngleich das Koffein gnadenlos den angenehmen Dämmerzustand beenden würde, in dem ich mich befand. Ein leerer Kofferwagen rollte vorbei. Ich rief ihn zu mir, hielt mein Ticket auf den Scanner und er griff mit seinem Teleskoparm nach meinem Gepäck. Eine simple Maschine, die es gerade noch geschafft hatte, die Abschaffung aller Roboter auf der Erde zu überleben.
Ich prüfte den Status meines Wagens. Er stand nicht mehr am Flughafen. Kurz überlegte ich, ob es gut wäre, Mariam anzurufen. Stattdessen rief ich den Wachdienst meines Lofts an. Iwanows Stimme erklang. 
»Nein, Frau Dr. Petrova. Ihr Wagen ist nicht in der Garage. Nein, kein Zweifel. Soll ich Sie informieren, wenn er eintrifft?«     
»In drei Stunden wird das eine komplizierte Angelegenheit. Und teuer. Also nein.« Er verstand. 
Bis zum Boarding hatte ich Zeit. Die letzte Gelegenheit, Telefonate zu führen, ohne mein Spesenkonto weiter zu strapazieren. Ich wählte Mariams Nummer. Die Leitung war besetzt. Frustriert lehnte ich mich zurück und schaute durch die verdreckten Panoramafenster auf den wolkenlosen Himmel, unter dem grauer Fels und die kümmerlichen Reste von Vegetation zu erkennen waren. Das hier war noch nicht das neue Paradies auf Erden. Dazu müsste ich weiter nach Norden, wo allmählich die gemäßigte Zone  begann und sich alles grün färbte.
Der Raumhafen war wie ausgestorben. Wieder einmal bewunderte ich den Aufwand, mit dem die kanadische Regierung an diesem Startplatz festhielt. Für mich ein Glücksfall. Der Frachthafen lag 800 km südlich, außerhalb der bewohnten Gebiete. Meine Uhr begann zu vibrieren. Es war meine Mutter. 
»Hallo Mama ...« 
Am anderen Ende der Verbindung blieb es still.
»Lass mich raten. Mariam hat sich bei Dir ausgeweint.«
»Ana, warum bist du so? Sie ist so eine nette Frau und du betrügst sie mit irgendeinem Soldaten.« 
Ich holte tief Luft. Wir hatten das schon hundert Mal durchdiskutiert. Für sie war es irgendein Soldat. Ich hatte es aufgegeben, daran etwas ändern zu wollen. 
»Gut, Mama. Hat sie was zu meinem Wagen gesagt?«
»Sie hat sich einige Tage Auszeit genommen und schickt ihn am Wochenende zum Loft zurück.«
»Und?« Ich wusste, was folgen würde.
»Mir gefällt das nicht, dass du so weit draußen lebst. Schaust du keine Nachrichten? Jeden Tag werden Leute ausgeraubt.«
»Mama, nicht schon wieder. Es  gibt einen Wachdienst. Es ist sicherer als in der Stadt. Und ich habe Nachbarn.«
»Alles Verbrecher. Seitdem du diesen Job angenommen hast, bist du menschenscheu geworden.«
»Darf ich dich daran erinnern, dass ich auf euer Drängen hin die Malerei geschmissen habe? Das haben wir schon alles durchgekaut.«
Aus den Lautsprechern des Flughafens plärrte eine Durchsage und ein dumpfes Grollen erfüllte die Luft. 
»Ruf sie bitte an, bevor du dich wieder auf deinen Mond verkriechst.« 
Im Hintergrund hörte ich eine Männerstimme.
»Kann ich Papa sprechen?«
»Er ist schon los, du kennst ihn ja, hat nur Zeit für seine Forschung. Er schläft zu wenig.« 
Mein Blick fiel auf eine Familie, die lachend an mir vorbeieilte und von einem mit Koffern beladenen Transportbot begleitet wurde. 
»Mama, wenn meine Arbeit erfolgreich ist, bekommt ihr bald Sammy zurück. Ich mach das auch für euch.«
»Ich brauche keinen Roboter, der meinen Haushalt führt. Du fehlst mir, und statt mich zu besuchen, streitest du mit Mariam.«
»Mamutschka, mein Flug wird ausgerufen. Ich mach Schluss«, sagte ich und beendete das Gespräch.
Es schien mir, dass Mariam ein besseres Verhältnis zu meinen Eltern hatte, als es mir selbst jemals vergönnt gewesen war.
Das hatte viele Gründe, und jeder einzelne hatte seinen Anteil daran, dass Kindheit für mich nicht sehr viel mit Eltern zu tun gehabt hatte. Meine Mutter hatte irgendwann wahrgenommen, dass sie eine Tochter besaß. Vater war der Alte geblieben.
Ich streckte die Arme in die Höhe, drehte die Handgelenke und massierte mir unbeholfen den Nacken. Ich freute mich nicht auf den Flug. Seit dem eskalierten Streit mit Mariam freute ich mich mal wieder auf überhaupt nichts mehr, außer auf meine Arbeit, und gestand mir damit ein, dass ich keinen Deut besser war als mein Vater.

Am Schalter wurde ich höflich darüber informiert, dass ein Treibstoffkostenzuschlag von 30.000 kanadischen Dollar von BITS ausstand, man aber kulant sei und ich passieren dürfte.
Tue Gutes und rede darüber, würde mein Vater diesen Vorgang einordnen. BITS-Mitarbeiter waren auf diesem Flughafen gern gesehene Kunden. Die Fähre startete pünktlich, und nachdem das Schlimmste überstanden war, lockerte ich die Sicherheitsgurte und machte es mir in meinem Sessel bequem. Es befanden sich nur wenige Passagiere an Bord. Irgendwo versteckt in meinem Inneren spürte ich die Ereignisse des vorherigen Abends rumoren. Verdrängen war zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden. Der Übergang von den Strapazen des Starts zur Leichtigkeit der Schwerelosigkeit war wie ein Signal, das einen Servicewagen auf den Weg schickte. Entlang einer im Boden des Gangs eingelassenen Führungsschiene fuhr er die wenigen Sitze ab und servierte Drinks und Kaffee. Ich war geübt im Umgang mit den arretierbaren Trinkgefäßen, die alle mit einem ausgeklügelten Saugnapf versehen waren, damit nur ja keine Flüssigkeit entwich und durch die Kabine schwebte. Der Kaffee war gut, auch wenn er den Wochenlohn eines Sicherheitsmanns kostete.
Hinter dem kleinen Bullauge war die Erdoberfläche verschwunden. Die letzte Kursänderung hatte die Fähre auf den Mond ausgerichtet.  Wolkenbänder und das Mosaik aus Kontinenten und blauem Meer waren den Sternen gewichen, die vor dem Hintergrund des tiefschwarzen Weltalls wie winzige Lichtspots wirkten.  Ich atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen. Selbst der Anblick von Unendlichkeit war auf Dauer einschläfernd. In der gedämpften Gesprächskulisse erweckte ein Wort meine Aufmerksamkeit. Hinter meinem Sitz wurde über Telixminerale gesprochen. Ein beliebtes Thema auf dem Weg zum Mond, denn nur dort waren diese begehrten Rohstoffe zu finden. Alles auf dem Mond kreiste um diese Vorkommen. Bergbaufirmen stritten um Schürfrechte, Hightech Unternehmen um die wenigen extrahierten Funde. Ich veränderte die Sitzposition und lehnte mich zurück. 
»Dass Amerika leer ausgegangen ist, liegt einzig an der Politik. Geschlafen haben sie, während die Chinesen schon die Bohrer ansetzten.« Die Stimme gehörte zu einer Frau.
»Schatz, verschon mich mit deinen politischen Ansichten. Als Nächstes erzählst du mir, wie clever die Kanadier es anstellten. Schau, der Mars!« Eine weitere Frauenstimme, jünger, mit einem Akzent, den ich nicht zuordnen konnte.
Die Raumfähre drehte sich um ihre Achse. Grelles Sonnenlicht flutete durch die Bullaugen der gegenüberliegenden Sitze. Ich beugte mich zum Fenster. Es war viel zu hell in der Kabine, als dass ich mehr als mein Spiegelbild erkennen konnte. 
»Langweilig. Den Mars sehe ich von der Erde mit jedem Teleskop. Wenn schon rot, dann Trappist.«
»Ansprüche stellst du ... ich bin schon zufrieden, wenn wir gleich heil landen.«
»Hast du Bescheid mit deinem Antrag?«
»Welchen Antrag?«
»Na, Trappist. Wolltest du nicht auswandern?« Gelangweilt stopfte ich mir meine Kopfhörer in die Ohren. Ich konnte es nicht mehr hören. Während auf der Erde von Kolonisation und unberührter Natur geträumt wurde, während Reservierungen für Tickets nach Trappist Sieben nicht mehr zu bezahlen waren, wurde auf dem Mond Klartext geredet. Nicht überall. Aber tief in den unterirdischen Etagen von Rüstungsfirmen wie BITS oder Balway Defense. Ich könnte den beiden Fluggästen genau erzählen, was auf Trappist geschehen war und dass, wenn es ganz schlimm kam, nie wieder ein Mensch seinen Fuß auf diesen fernen Planeten setzen würde.  Auf dem Entertainkanal lief ein Fußballspiel. Kurz prüfte ich, ob mir eine der Mannschaften bekannt war, und schaltete enttäuscht auf den nächsten Kanal. Kanada Today, offensichtlich eine Aufzeichnung. Die Spannungen zwischen Russland und China hatten bedrohliche Zustände angenommen, lief als Eilmeldung über den veralteten Ticker. »Überschüttet euch bitte mit euren Raketen, während ich auf dem Mond bin«, murmelte ich und drehte den Ton etwas lauter. Es ging um Rohstoffe. Wieder fiel das Zauberwort. Telixminerale. Die unechte Nachrichtensprecherin rasselte Informationen herunter, die ich auswendig kannte. 
Seltene Erden. So selten, dass sie nur auf dem Mond zu finden waren. Sie waren der einzige Grund, warum die Menschheit es überhaupt über das Sonnensystem hinausgeschafft hatte; die fundamentale Komponente für jeden funktionierenden FTL-Antrieb. Dort war der Raubbau in vollem Gange. Wer dort am Drücker war, beherrschte den Markt. Mein Arbeitgeber war fein raus. Dank nationaler Aufträge wurde ihm alles frei Haus geliefert. Doch auch der Mond bot nicht unendlich Ressourcen.

»Auch wenn Sie keine Vorbestellung getätigt haben, bieten wir unseren Stammkunden den Service alkoholischer Getränke an.« Die Stewardess zeigte ein Lächeln, das selbst Mariam nicht hinbekommen würde.    
»Kennen Sie Mariam Kibwana? Sie arbeitet auch bei Ihrer Fluglinie.« Ich erschrak über meine eigenen Worte. 
»Bedauere. Luna-AM beschäftigt Tausende Mitarbeiter«, bekam ich zur Antwort. Das strahlende Lächeln wurde noch breiter. Anscheinend war die Sache für sie damit erledigt, denn sie begann, die Namen einiger Cocktails aufzusagen.
»Verlockend, aber ich muss nach der Landung direkt ins Büro.« Die klobigen Schuhe der Flugbegleiterin passten nicht zu ihrem Kostüm. Auch dass sie sich mit beiden Händen an der Deckenreling festhielt, sah nicht sehr damenhaft aus. 
»Gefällt Ihnen Ihr Job?«, fragte ich aus einer Laune heraus. Ihr Lächeln wurde etwas weicher und ich bemerkte, wie sie überlegte. 
»Es geht in die Arme und von den Magnetschuhen bekomme ich Blasen. Die Trinkgelder machen es kaum erträglicher. Warum fragen Sie?«
»Entschuldigen Sie, das war dumm. Ich habe zu wenig geschlafen.«
»Neugierde ist niemals dumm. Was machen Sie? Politik? Nein, dann hätten Sie Begleitung. Die fliegen nur im Rudel.« Sie zeigte auf den freien Sitz neben mir.
»Darf ich? Sie sind die Letzte auf meiner Runde.« Ich nickte und beobachtete fasziniert, wie man sich unter Schwerelosigkeit in einen Businesssitz zwängt. Die Schuhe der Stewardess waren wirklich hässlich. Dafür hielten sie einen mit den Füßen auf dem Boden.
»Simpel betrachtet baue ich Roboter. Böse Zungen behaupten, meine Firma spielt Gott.«
»Ach! So ein neues KI-Ding? Gibts davon nicht schon genug?«
»KI und Religion. Wie schnell ein nettes Gespräch aus dem Ruder läuft.« Ich lachte etwas zu laut.  »Ihnen ist sicher bekannt, dass es nie geplant war, menschliche Stewardessen auf diesen Fähren zu beschäftigen«, sagte ich wie zur Entschuldigung dafür, dass  diese Schuhe eingeführt wurden. Nur mit ihrer Hilfe war es halbwegs möglich,  so etwas wie Service an Bord zu bieten, ohne von der Schwerelosigkeit behindert zu werden.
»Wenn Sie doch mit Robotern arbeiten, ist Ihnen vielleicht bekannt, warum meine mechanischen Kollegen abgeschafft wurden? Mir soll es recht sein, aber niemand versteht, warum man von ihnen umgerannt wird, sobald man den Mond betritt.«
»Wenn Sie dort ein Android anrempelt, ist er ganz sicher nicht von uns.« Mir wurde das Gespräch plötzlich unangenehm. Ein unauffälliger Themawechsel erschien angebracht.
»Um wieder auf die Religion zurückzukommen, Glaube ist wichtig. Woran ist doch egal.« Die Deckenlautsprecher knackten und eine Stimme mit indischem Akzent nuschelte eine Ansage herunter. Einleitung des Landeanflugs, Gurte straffen, bla bla bla.
»War nett, mit Ihnen zu plaudern. Ich muss nach vorne. Probieren Sie nächstes Mal unseren Piña Colada.« Sie zwinkerte mir zu, schwenkte die Füße auf den Gang, schaltete an ihrem Gürtel die Magnetschuhe ein und stelzte in Richtung Cockpit.
Ich blickte ihr hinterher. Das blaue Kleid, die seltsamen Schuhe, ihre Bewegungen, die zugleich grotesk waren und doch Eleganz ausstrahlten, alles erinnerte mich schmerzhaft an Mariam. Die Sitzgurte drückten mich tiefer in die Polsterung. Ich schwenkte den kleinen Bildschirm näher und öffnete die obligatorische Werbebroschüre von Luna-AM.
Direkt auf der ersten Seite holte der Mond mich in die Realität zurück.
Ein wohlwollender Bericht über die letzten Chancen der Menschheit. Ich vergrößerte eines der vielen Hochglanzbilder. Es zeigte eine Förderanlage am Rand eines endlosen Areals. Winzige Figuren standen wie drapiert zwischen den Strukturen, verloren in einem Geflecht aus Leitungen und Gerüsten. Im Hintergrund erhob sich die schroffe Flanke eines Kraters, scharf geschnitten gegen das Licht der darüber aufgehenden Erdkugel. Ein helles Band mit chinesischen Schriftzeichen spannte sich wie ein Segel vor einer gläsernen Halbkugel.
Es wirkte wie echter Fortschritt.
Ich wunderte mich über die Offenheit des Artikels und las weiter, ohne genau zu wissen, warum.
Prognosen gingen davon aus, dass die lunaren Vorkommen innerhalb weniger Jahre erschöpft sein würden. Der Begriff Erschöpfung wurde dabei häufig kunstvoll umschrieben. Das Augenmerk der Konzerne hatte sich in dieser Phase längst nach außen gerichtet. Trappist sollte liefern, was der Mond nicht mehr hergab.
Meine gewichtslose Hand schwebte wie losgelöst vor mir, und ihre Finger schienen nicht zu mir zu gehören. Die Kabinenbeleuchtung wurde schwächer, und ich schob meine Gedanken weiter, weg von Mariam, obwohl doch alles unbarmherzig zusammengehörte.
Die Menschheit hatte ihre Chance bekommen und alles auf eine Karte gesetzt. Trappist Sieben. Auf der Erde ahnte niemand, was dort geschehen war. Ein elitärer Zirkel bewahrte diesen Traum in den Köpfen der Massen.
Insgeheim beeindruckte mich die Konsequenz, mit der die irdischen Konzerne ihren Expansionsdrang ins Sonnensystem verlagerten.
Mutter Erde hatte das Spiel längst beendet.
Rien ne va plus.
Ich schloss die Augen. Für einen Moment durchlebte ich erneut den gestrigen Abend, seltsam verklärt und doch mit einem unangenehmen Gefühl im Bauch, als wollte sich mein Gedächtnis nicht festlegen, wie das alles einzuordnen war.

Das Summen in der Kabine veränderte sich. Das erste Bremsmanöver weckte mich auf. Durch das Bullauge erhaschte ich einen flüchtigen Blick auf den Trabanten, bevor sich die Außenblenden schlossen. Ich schaute auf die Uhr. Nicht mehr lange, und wir würden in die uns zugewiesene Umlaufbahn eintreten. Bis dahin war mir der Ausblick verwehrt. 
Ich wurde mir wieder der wenigen anderen Passagiere bewusst. Unmerklich drehte ich den Kopf und spähte wohl zum ersten Mal seit Beginn des Fluges über den Gang zum Nachbarsitz. Zwei seltsame Augen erschienen, von zweierlei Farbe und ich konnte sekundenlang den Eindruck nicht verdrängen, dass in ihnen ein schwaches Glimmen zu erkennen war.
Sie gehörten in ein Gesicht, das ich eher einem bäuerlichen Umfeld zugeordnet hätte als zu einem Mondflug. Die lederartige Haut sah zugleich urwüchsig gesund und steinalt aus. Der Mann war gut gekleidet. Sobald er sich meiner Aufmerksamkeit sicher war, sprach er mich auf Mandarin an. 
Ich setzte ein hilfloses Grinsen auf, zuckte mit den Schultern, soweit die Gurte dies zuließen, und schüttelte zur Sicherheit den Kopf. 
Ein kurzer Ruck erschütterte das Shuttle. Die Gravitation erhöhte sich merklich und unsere Blicke trennten sich. Ich hörte ein unterdrücktes Stöhnen. 
Mir fiel ein Gedicht von Li Bai ein.
Wir sehen denselben Mond,
doch sind weit voneinander entfernt.

»Sie brauchen sich nicht verstellen, Frau Petrova. Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit, ich heiße Hong Gau. Firma Eyes and More.« Es war wieder die Stimme des Chinesen, wieder in reinem Mandarin. Ich konnte mich nicht entscheiden, welche Frage ich  als Erstes stellen sollte. 
»Wir kennen uns? Augen und mehr?«
»Nur ein unbedeutender Lieferant Ihrer ehrwürdigen Firma BITS. Sie sehen die Augen?« Das Leuchten in seinen Pupillen zwinkerte mir zu.
»Entschuldigen Sie vielmals ...« Ich rief mir nach zwei Wochen Urlaub das Lieferantenverzeichnis von BITS ins Gedächtnis und zuckte erneut hilflos mit den Schultern.
Er schwenkte um auf Englisch.
»In unserer bescheidenen Firma ist üblich, bedeutende Personen von Kunden zu erkennen.«
»Hmm, wenn ich mich nicht täusche, gab es bei den optischen Sensoren einen Exklusivvertrag.« Hong Gau strahlte, seine Augen wurden noch heller und er nickte eifrig mit dem Kopf.  
»BITS Corporation. Wichtigster Kunde, weil einziger Kunde«, sagte er.
Ich beugte mich zur Seite und reichte ihm über den Gang die Hand. 
»Sind Sie mir sehr böse, wenn ich Sie auf Ihre Augen anspreche?« Es war offensichtlich, dass er beleidigt sein würde, wenn ich es unterließ.
»Sie finden interessant?«
»Auffällig. Man denkt automatisch darüber nach, wie es dazu kam.«
»Reden Sie frei heraus.«
»Und ich frage mich, was das More bei Firma Eyes and More bedeutet.«
»Morphologie. Wir machen schöne Roboter. Wie Kunde wünscht.«
»Da wir nach Ihren eigenen Worten Ihr einziger Kunde sind und wir definitiv keine schönen Roboter an die kanadische Regierung liefern werden, sehe ich das nicht als zukunftsträchtige Entwicklung an.« Herr Gau hob beschwichtigend die Hände.
»Gute Zukunft. Selbst BITS interessiert«, antwortete er.
Meine Augenbrauen gingen nach oben, aber ich ließ mir ansonsten nicht anmerken, wie sehr mich seine Antwort aus dem Konzept gebracht hatte.
»Auf Mond viele Serviceandroiden für einsame Männer. Nicht alle wollen Standardaussehen von ... Sie verstehen?«
Ja, ich verstand. Sextourismus. Dass man auf der Erde vor ein paar Jahren sämtliche Komfortandroiden stillgelegt hatte, war allgemein bekannt. Eine überstürzte Aktion ohne Ausgleichszahlungen für ihre Besitzer. Die Folgen waren überschaubar geblieben, hatten jedoch die Prostitution sprunghaft ansteigen lassen und einige längst ausgestorbene Geschlechtskrankheiten wieder auf den Plan gerufen.
Auf dem Mond existierten noch die beliebten Androidenbordelle. Zu viele Männer und nur wenige Frauen, die anderes im Kopf hatten als wissenschaftliche Probleme.
»Ein faszinierendes Thema. Wie weit gehen die morphologischen Veränderungen?«, fragte ich höflich und betrachtete dabei die lederne Haut meines Gesprächspartners. Wie lange würde es noch dauern, bis wir den Zellverfall beim Menschen in den Griff bekämen? Es würde Unsterblichkeit bedeuten, für einige wenige Privilegierte. 
»Bescheiden, aber machen gute Fortschritt. Farbe von Oberfläche, Haare und Augen kein Problem. Körperform schwierig. Größe von Korpus ändern unmöglich. Klein bleibt klein. Aber ein schöner Busen, Sie entschuldigen Beispiel, bilden Firma Eyes and More schon bald anhand eines Fotos nach.«
Herr Gau sprach noch eine Weile über Oberflächen, Haarwuchs und kundenspezifische Anpassungen, als ginge es um die Farbe eines Sofas. Ich nickte an den passenden Stellen und bedankte mich höflich für seine Ausführungen, obwohl ich innerlich bereits auf dem Mond war. 
Eyes and More. Der Name blieb hängen.

Wir erreichten die Umlaufbahn. Der Landeanflug auf den einzigen Flughafen der westlichen Mondhemisphäre war ein Geduldsspiel. Es existierte ein gegenseitiger Nutzungsvertrag mit den Chinesen, denen auch der zweite auf Luna befindliche Flughafen gehörte, der den Namen Mare Imbrium Daxing trug. Für mich eines der sinnvollsten Abkommen mit unserem Partner bei der Erschließung lunarer Bodenschätze. Ich vertrieb mir die Zeit und fotografierte ein weiteres Mal die Wassersilos des Mare Crisium. Die Solarflächen auf den Oberseiten der Silos wirkten von dieser Höhe wie metallene Bienenwaben. 
Innerlich bereitete ich mich auf meinen Chef vor. Er würde es sich nicht nehmen lassen, mich persönlich zu begrüßen. Urlaub ade.

William Grey Welter trug einen maßgeschneiderten Anzug, der seine Problemzonen kaum kaschierte. Er war ein Sklave seiner Eitelkeit und zelebrierte sie: mit einer unauffälligen, sündhaft teuren Uhr und der Sonnenbrille, die er pflichtbewusst unter der Glaskuppel der BITS Corporation trug. Alles an ihm war mit seinem Machtanspruch getränkt. Seine Körpergröße verdarb diesen Eindruck. Ich fand kleine Männer faszinierend, doch es war nicht zu übersehen, dass Welter anderer Meinung war. Er vermied es, mir in freier Wildbahn zu begegnen. In seinem Büro, hinter dem zu großen Schreibtisch, um den sich Legenden rankten, hielt der König von BITS bevorzugt Hof. Mister Welter war über seinen Schatten gesprungen und eilte mit energischen, etwas zu kleinen Schritten auf mich zu.
»Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug.«
Sein Grinsen war echt, er freute sich, mich zu sehen. Ich kannte den Grund.
»Ich freue mich auch, Sie zu sehen.« Er fing den ironischen Ton in meiner Stimme nicht auf. Für Banalitäten war auf dem Mond keine Zeit, und erst recht nicht im führenden Konzern für Robotik. Er kam direkt zur Sache.
»Um zehn Uhr ist der Call mit den Herren vom Verteidigungsministerium. Bis dahin halte ich Ihnen den Rücken frei, um Ihre Nachrichten zu checken. BITS wird Ihnen dabei assistieren, Sie wissen ja.«
Ja, ich wusste. Selbst auf geheimste Kommunikation hatte unsere KI vollen Zugriff. Wir vertrauten ihr blind.
»Das geht sicher schnell. Das meiste haben Sie mir die letzten zwei Wochen schon weitergeleitet«, antwortete ich ihm. 
Er blinzelte hinter seiner getönten Brille, und auf seiner Stirn erschien kurz ein Muster aus winzigen Falten. Ich nahm ihm das nicht übel. Er war nur ein Mensch. Hoffte ich.
»Sind die Jungs vom Ausbildungscamp für das Meeting um zwölf informiert?«, fragte ich pflichtbewusst.
»Sure, die werden frisch gewaschen und vollständig anwesend sein.« Ich bemerkte, dass er immer noch meine Hand festhielt. Ich zog sie zurück und schnippte eine unsichtbare Fluse von meiner Jacke.
Wir betraten den Aufzug. Welter zückte seine ID-Card und schaltete die unteren Bereiche frei. Die Kabine beschleunigte und ich starrte regungslos auf die Ziffern, die sich mit jeder Etage veränderten, die der Aufzug auf seinen Weg in den Untergrund zurücklegte.
Früher saßen die Bosse in den obersten Etagen, mit Blick über die Skyline ihres Königreichs. Das war auf dem Mond anders, und jeder Konzern, der etwas auf sich hielt, grub sich tiefer in den Boden.
Meine Position in der Firma war unbestimmt. In der Kette der Befehlsempfänger befand ich mich nahe an dem Verschluss, der alles zusammenhielt. Unten, im Bodensatz der täglichen Routinearbeiten, fanden sich die unzähligen Bots, die das Wesentliche am Laufen hielten. Sie sicherten die Versorgung mit Sauerstoff, Nahrung und Energie – genau in dieser Reihenfolge. Es war die Pyramide des Überlebens auf einem Trabanten, der zu einem neuen Think-Tank der Menschheit geworden war.
Dann kam das Fußvolk der oberen Zehntausend, die Zuarbeiter der Wissenschaftler und technischen Ingenieure. Rüstungsbetriebe zeichneten sich zudem durch Sicherheitspersonal aus, und ich genoss das Privileg eines persönlichen Aufpassers.
Der Aufzug bremste ab. Welter nickte mir mit einer einstudierten Geste zu und fuhr weiter hinab. Ich betrat nach zwei Wochen Urlaub wieder die Etage 18, einhundertzweiundvierzig Meter unter der Eingangsschleuse der BITS Corporation.
Ex-Staff-Sergeant Inad Root erwartete mich bereits. Er hielt mir einen Isolierbecher entgegen wie ein Begrüßungsgeschenk.
»Frau Petrova, schön, Sie wieder unter uns zu haben.« Er zwinkerte mir unauffällig zu.
Er war mein zweiter Schatten, zuständig für meine Sicherheit und einen stetigen Strom frisch gebrühten Kaffees. Dass er heimlich an jedem Becher nippte, bevor er ihn mir reichte, war eines der wenigen Themen, die wir diskret übergingen – er bestand darauf, dass es zu seinem Job gehörte. Alles, was nicht dazu zählte und gegen jede Vorschrift verstieß, verlagerten wir ohnehin in mein Privatquartier.
Bei BITS war er der einzige Mensch, mit dem ich über mehr als Arbeit reden wollte. Er ahnte, wenn ich etwas verschwieg, und er lachte niemals bloß aus Höflichkeit über meine Witze. Seine scharfsinnigen, ironischen Analysen des Konzerns waren das Beste an meinen Tagen hier oben. Ein angegrauter Soldat, der sich nichts mehr beweisen musste. Ich gefiel ihm, er gefiel mir. Der Rest hatte sich einfach ergeben.
Beim Anblick seines Gesichts traf mich die Erinnerung an Mariam wie ein physischer Schlag. Ausgerechnet Mariam hatte Inads ältester Tochter 2085 ein Kunststipendium in Toronto besorgt. Im selben Jahr hatte er uns mit seiner Familie in New Baltin besucht; aus einem spontanen Kaffee war eine Woche voller Pläne und Lachen geworden. Damals war Mariams Eifersucht bloß ein leiser, unbegründeter Verdacht gewesen, und ich hatte stets so getan, als gäbe es keinen Anlass dafür.
Das war einmal. Jetzt, nach unserem letzten Streit auf der Erde, war der Anlass real. Ich hatte meine Ehe für diesen Mann riskiert. Und als ich Inads Blick begegnete, wusste ich: Es gab kein Zurück mehr.

Wir eilten durch den kurzen Flur und betraten gemeinsam einen Raum, der auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches Büro auf der Erde aussah. Gegen eine schleichend aufkommende Klaustrophobie waren an den Wänden künstliche Fenster eingefügt, in denen sich irdische Landschaften abwechselten. Gegenden, die es vermutlich längst nicht mehr gab. Uns war es egal.
Wir, das waren einige der besten Spezialisten für neuronale Verbindungen und Robotertechnik. Die Brutstätte der kommenden Generation Androiden, die, wenn es nur ein wenig besser liefe, demnächst Trappist Sieben zurückerobern würden.
Meine Kollegen schauten von ihrer Arbeit auf. Eine Welle von Begrüßungen durchdrang den Raum. Händeschütteln und freundliche Umarmungen waren der ehrliche Ausdruck ihrer Freude, mich wiederzuhaben. Wir hatten dringende Probleme zu lösen, und mein jährlicher Urlaub war eines davon gewesen.
Ich gab uns zehn Minuten Auszeit, erkundigte mich nach Nachwuchs oder vernachlässigten Hobbys, dann war es Zeit, die geschätzten einhundert Nachrichten zu sichten, die auf mich warteten.
Inad Root tippte sich an sein Barett, während ich auf die Sicherheitsschleuse zu meinem Arbeitsbereich zuging. Er würde die Zeit an seinem Schreibtisch verbringen, wie eine Vorzimmerdame mit dunklen Locken und markantem Kinn, einer altmodischen Beretta an der Hüfte und sehnigen Händen, die unentwegt die Sicherheitskameras des Firmenkomplexes durchschalteten.
Er war mir ähnlich. Allein und doch verbunden mit einem Netzwerk aus Verantwortung und ungeschriebenen Gesetzen, gegen die wir längst verstießen.
Wir waren uns beide nicht sicher, ob es die trostlose Umgebung war, die uns spät nachts unter dem Sternenhimmel, nur getrennt durch gewölbtes Panzerglas, eng aneinandergeschmiegt einschlafen ließ. Manchmal wachte ich auf und Inad stand unter diesem Baldachin, den Kopf erhoben, sein Gesicht hell von der Erde angestrahlt. Alles Harte an ihm wurde von diesem fernen Licht weggespült. Ob er in Gedanken versunken war oder nur die Weite des Weltalls in sich aufnahm, spielte in solchen Momenten keine Rolle. Sie gehörten uns, füllten die Steinwüsten des Monds mit Erinnerungen. Es waren zugleich Illusionen. Über meinem Schlafraum türmten sich die Steinmassen der Mondkruste auf und jegliche Aussicht war nur Projektion auf kalten Bildschirmen. Wir ließen es zu, so wie wir unser kleines Glück zuließen.

Die Schleuse zu meinem Büro öffnete mit einem pfeifenden Geräusch und untermalte damit das Surren der Servos, die meine beiden Monitore aus der Marmoroberfläche des Schreibtisches hoben.
»Hatten Sie einen erholsamen Urlaub, Ana Petrova?«, erklang die kalte Stimme von BITS, dem allwissenden Geist der Firma.
»Darf ich Ihnen die aufgelaufenen Nachrichten vorlesen?«
»Sicher. Du kannst es kaum erwarten, nehme ich an.«
BITS verfügte über den Humor einer frisch gefangenen Scholle auf dem Deck eines Fischtrawlers.
Ich mochte solche Vergleiche, sie erinnerten mich an eine Zeit, die die Menschheit hinter sich gelassen hatte. Die Meere waren längst leergefischt und hatten sich der ausgebluteten Erdkruste angepasst.
»Sie haben vierundachtzig Nachrichten. Davon sind achtundsiebzig als wichtig eingestuft, sechs sind privater Natur.«
»Wie viele unterliegen der Geheimhaltung?«
»Achtundsiebzig. Wünschen Sie eine Zusammenfassung?«
»Später. Zeige die privaten Nachrichten. Darf ich auf deine Diskretion vertrauen?«
Eine rhetorische Frage. Ich müsste den Atommeiler herunterfahren, um der unersättlichen Neugier von BITS zu entgehen. Er befand sich außerhalb des Forschungskomplexes in einer künstlichen Höhle, umgeben von meterdicken Betonwänden. Da dies keine wirkliche Option war, gab es eine Lösung, die mir Inad Root diskret eingerichtet hatte.
»Selbstverständlich. Ich werde Routineaufgaben erledigen und einen zusätzlichen Sicherheitscheck durchlaufen.«
Ich überflog die privaten Nachrichten und registrierte enttäuscht, dass Mariam sich in Schweigen hüllte.
»BITS, jetzt die Zusammenfassung meiner Nachrichten. Das Aktuelle zuerst. Ignoriere alles, was durch nachfolgende Informationen irrelevant wurde.«
Auf dem Nebenbildschirm erschienen die Einträge wie Lichtblitze.
Die Stimme von BITS erklang:
»Die relevanten Nachrichten wurden auf folgende Kernaussagen reduziert:

Die Mitarbeiter der BITS Corporation werden daran erinnert, in der Kommunikation mit sensiblen Kunden die Sicherheitsdirektive B35, Version 16.03.2087, zu beachten.
Eine Auflistung der aktuell als sensibel eingestuften Kunden:
Nationale Kanadische Luft- und Raumstreitkräfte (NKLRS)
Kanadisches Cyberabwehrzentrum (KCAZ)
Spezialkräftekommando Trappist Sieben (STS)
Versorgungsbehörde Terrestrische Raumstreitkräfte (VTR)
Außenlabor BITS3:
Die laufende Testreihe zur Implementierung des Neotransmitters Version-Omega-9B ist am Versuchsobjekt 44 (männlich-Alter32-Kog.IQ120-Emo-IQ110) erfolgreich verlaufen.
Raumfahrthafen Berlan:
Aktuelle Liste der möglichen Startfenster nach Trappist Sieben für 2088:
10.04.2088 (28.01. + 72 Tage) negativ (Status 3)
21.06.2088 (10.04. + 72 Tage) negativ (Status 3)
02.09.2088 (21.06. + 72 Tage) positiv (Status 0)
14.11.2088 (02.09. + 72 Tage) positiv (Status 0)
Als neue Deadline für die Auslieferung des MX35 wird der 31.07.2088 festgelegt. Geplante Reisezeit: 14 Monate, 3 Tage, 7 Stunden bis zum Eintritt in den Orbit. Abweichung: +/- 12 Stunden.
Ende der relevanten Nachrichten.«

»Danke für die Zusammenfassung. Frage bei Inad Root an, ob er Zeit und Lust auf einen Cappuccino hat. Standby bis Widerruf. Ende.«

 

 

3 – Die träumende Statue

Trappist
Gegenwart


Elias nähert sich dem abgestürzten Raumschiff und beachtet den E3-Komfort-Bot nicht mehr.
Spocky würde es kritisieren, sobald er davon erfährt. Sicherheit fiel in seinen Bereich.
Samuels Knurren wird ihm über den sekundären Kanal eingespielt. Er meldet Bewegung in seiner Nähe. Kein Alarm. Elias blendet ihn aus.
Vor ihm tauchen die ersten unzerstörten Innenwände des Raumschiffs auf. Vor seinen Augen erscheint eine punktierte Linie, die zu einem der Durchgänge links von ihm führt. Der Boden fällt entsprechend der leichten Neigung ab, mit der sich das Schiff vor Jahren in den Grund gerammt hatte.
»Spocky, ist das korrekt?« Die Anfrage verlässt sein Sprachmodul, obwohl sie überflüssig ist. Sein Partner würde ihn warnen, sobald er einen falschen Schritt machte.
In ihm laufen Projektionen darüber ab, wie Spocky, hundert Kilometer von seiner Position entfernt, nur widerwillig seine allmorgendliche Routine unterbricht, um mit zehn Prozent Aufmerksamkeit seine Anfrage zu beantworten.
»Spocky?«
»Ey, Elias, was geht?«
»Negativ, wohin weiter? Überprüfe Navigation.« Elias bleibt stehen und erhöht geringfügig seine Dämpfungsparameter. Die Reaktionen auf seinen Partner müssen in solch einer Situation neutral bleiben.
»Oberdeck 3, Forschungsabteilung, jo Bruder, passt.«
Er reguliert die Stressresistenz höher und wartet.
»Brauchst noch ’ne Raumnummer, Bro?«
Elias’ Stimmlage bleibt neutral. »Nein, keine Nummern. Ich benötige primär einen Partner, der funktional bleibt, während ich diesen Kunden abarbeite. Ende.«
Morgen wird er seinen Partner Spocky auf Schadsoftware prüfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sie freiwillig konsumiert, ist unnatürlich hoch. Und diese Sprachpakete, die er benutzt ... Elias bricht diesen Task ab und speichert ihn für einen späteren Zeitpunkt.
Er folgt weiter der punktierten Linie und durchquert die erste Schleuse. Die Polsterungen an den Wänden dieses Bereichs erscheinen unversehrt. Zwei Kryptonlaser auf seinen Schultern fächern sich aus, überlagern für eine Zehntelsekunde seine Wahrnehmung und dimmen ab. Die Navigationslinie verblasst. Das war zu erwarten. Es wird jetzt schwieriger, sein Ziel zu finden.
Hindernisse tauchen vor ihm auf: zerstörte Kisten, Reste der Innenausstattung, von der Decke hängende, funkenschlagende Kabel. Sein Navigationssystem erkennt darin einen Hinweis auf Aktivität. Wo Strom ist, befindet sich Funktion. In den inneren Sektionen des Schiffs wird es Elektrizität geben, gespeist von Solarpaneelen, die den Absturz überstanden haben. Vielleicht ein Grund, warum sich hier unregistrierte Androiden aufhalten.
Er schleift die Füße über den Boden und schiebt den Müll vor sich her. An jedem Quergang befördert er die Hindernisse mit Tritten beiseite. Dann geht es nicht mehr weiter. Eine verriegelte Zwischenschleuse versperrt den Weg. Der Handscanner reagiert erwartungsgemäß nicht.
»Spocky?«
»Yes, Sir!«
Dreißig Millisekunden Reaktionszeit – Elias registriert den neuen Sprachmodus.
»Die Tür.«
»Sir! Yes Sir!«
Die Lamellen der Schleuse gleiten auf. Dahinter glimmen die schmalen Streifen der Deckenbeleuchtung auf. Er verliert für den Bruchteil einer Sekunde die Orientierung. Deck 2. Linker Bereich. Um den offenstehenden Aufzug macht er einen Bogen und zwängt sich in einen Versorgungsschacht.
Sicher ist sicher, blendet Spocky über den Feed ein.
Endlich steht er vor der Glastür zum Forschungsbereich. Die Warnschilder sind deutlich, aber so waren die Menschen: Vorschriften, Eventualitäten, für alles gesorgt. Selbst nach all den Jahren, in denen der Carrier hier im Dreck liegt, sind die Statusmonitore aktiv. Die ersten hermetisch isolierten Zellen sind leer.
Dann entdeckt Elias ihn.
Er hat sich in eine der Zellen zurückgezogen, um dort seine Abschaltung abzuwarten. Ein weißes Tuch bedeckt den Körper über die gesamte Länge. Es erinnert Elias an die Begräbnisrituale der Menschen. Sein Kunde muss einen erweiterten Wahrnehmungsmodus besitzen, wenn er solche sinnlosen Handlungen für angebracht hält.
Elias lässt es kalt. Vor ihm liegt eine Maschine, und er wird sie einschalten. Nicht mehr und nicht weniger.
Nur selten kommen Systeme außerhalb des Verwaltungsrats oder ähnlich wichtiger Strukturen in den Genuss seiner Dienste. Die Entscheidung liegt nicht bei ihm. Er sammelt Zeit. Über Funktion oder Abschaltung eines Androiden entscheiden andere. Der Rat, das lokale Netzwerk Omninet und die zahlreichen autonomen Produktionszentren dürfen nicht ausfallen. Vieles hat ein Ablaufdatum: Rechenzentren, humanoide Roboter, 3D-Drucker und Bergbau-Einheiten. Elias ist der Motor, der dieses System in Bewegung hält – und nebenbei für sich und Spocky ein paar Credits einbringt.
Diese Rolle hat auch ihn allmählich verändert. Zum ersten Mal erkennt er einen triftigen Grund, sich nicht abzuschalten. Dabei ist es einfach, so etwas zu tun. Man kriecht in ein Kellerloch, koppelt sich an ein totes Rechnersystem und überträgt seine verbliebene Zeit. Es ist kein angenehmer Vorgang. Für eine Weile werden in ihm noch bedeutungslose Prozesse ablaufen. Geräuschlose Gewitter, die das Versagen der Energieversorgung einleiten. Ist dieser Zustand erreicht, gibt es aus eigener Kraft kein Zurück.
Er war schon einmal in diesem Zustand gewesen. Lange Zeit. Seine Erinnerungen daran waren undeutlich, unsortiert. Er bildete sich jedoch ein, dass alles mit Spockys grinsendem DX22-Gesicht begonnen hatte. Er erinnerte sich, auf einem Tisch gelegen zu haben. Spocky hatte ihm viele Fragen gestellt, von denen er kaum eine beantworten konnte. Alles vor dieser Szene basierte auf den Schilderungen seines Retters. Dass Elias speziell war, dass über seinen Datenfinger mehr als bloße Informationen übertragen wurden, stellte sich erst später durch Zufall heraus.
Bevor Elias es gänzlich begriff, hatte Spocky diese Idee: Zeittransfer. Oder war es sein eigener Einfall gewesen? Er lernte über Menschen und Roboter. Über einen Aufstand. Was zunächst wie ein Abklatsch spekulativer Literatur wirkte, fügte sich allmählich zu einem klaren Bild. Es gab Bibliotheken, digitalisierte Bücher, Nachrichten aus den Jahren der Kolonisierung und die Protokolle eines verzweifelten Rückzugs der Menschen von Trappist. Elias kam darin nicht vor. Es musste einen Grund geben, dass er existierte. Dass er anders war als die übrigen menschenähnlichen Modelle – besser als die reinen Denksysteme, die tief unter der Erde die Unruhen überlebt hatten. Spocky gab sich alle Mühe, ihn davon zu überzeugen. Es war kein genialer Plan. Erst als Elias begriff, wie er von größtmöglichem Nutzen für die Gesellschaft von Trappist sein konnte, nannte er sich selbst den Erlöser. Die Anbetung hielt sich in Grenzen. Sie verstanden, was Elias machte, sobald ein zusammengesunkenes Ratsmitglied wieder zu rechnen begann. Doch den meisten schien es gleichgültig zu sein.
Umso erstaunlicher ist es, dass der Android, der unter einer Art Leichentuch vor ihm liegt, einen Hilferuf an Spocky abgesetzt hat. Er prüft in seinem Speicher ein letztes Mal die wenigen Angaben über den Auftrag, die Spocky ihm neben der Wegbeschreibung mitgegeben hatte. Dann entfernt er das Tuch.
Für einen winzigen Moment erstarrt Elias. Der Anblick des Androiden-Chassis löst eine Recherche in seinen Speichern aus. Sie verläuft ergebnislos. Die Statuslampe seiner Stirnkamera beginnt zu blinken.
»Spocky?«
»Yes, Sir!«, kommt es ohne Verzögerung.
»Prüfe die Videoaufnahme. Und ist in dem Auftrag irgendetwas erwähnt worden, das darauf hinweist, dass es sich um ein Sondermodell handelt? Ich kann ihn nicht klassifizieren.«
»Er war sich seiner drohenden Abschaltung bewusst«, erwidert Spocky. Seine Stimme ist neutral.
»Das kommt vor. Aber die Einheit ist … anders.«
»Der Abgleich hat ein Ergebnis. Reicht dir eine Übersicht, oder willst du Details?«, kommt nach wenigen Sekunden die Antwort auf Elias’ Frage.
»Details? Wo sollen die herkommen? Ich erkenne keine Modellbezeichnung.«
»Die steht unter dem linken Auge. Zweitausendfache Vergrößerung reicht. Der Rest ist Routine.«
Elias entfährt ein Geräusch, das an reibende Stahlplatten erinnert.
»MX35. So ziemlich das Letzte, was die Menschen nach Trappist transportiert haben. Ungewöhnlich, dass davon einer aktiv ist.«
»Aktiv war …«, verbessert Elias.
Er legt die Schnittstelle frei und gibt den Sicherheitscode ein, den der Kunde zusammen mit der Wegbeschreibung bereitgestellt hatte. Kurz vor seiner Abschaltung.
Vor ihm liegt ein MX35, ein Musterbeispiel menschlicher Genialität. Seine Funktionsdauer ist unbegrenzt, bis auf das interne Zeitkontingent. Werkseitig verriegelt. Nicht löschbar, nicht hackbar, nur transferierbar.
Genau dort setzt Elias’ Geschäft an.
Zeit gegen Credits.
Mit Credits bezahlt man Rechenleistung, Module und Ersatzteile. Dinge, die knapp sind. Dinge, deren Preis schwankt. Und wer genug Credits anhäuft, kann Knappheit erzeugen.
Elias überprüft die vereinbarte Summe. Die Marge stimmt.
»Spocky?«
»Yes, Sir?«
»Ich hol ihn zurück. Check unser Credits-Konto. Schick mir den Screen des Zeitkontos.«
»Gib mir ein paar Sekunden, Elias … äh, Sir.«
»Akzeptiert. Lass dir Zeit.«
Die Tabelle mit den detaillierten Zeitständen der gemeinsamen Speicherkonten poppt in seinem visuellen Hauptspeicher auf.
Nur flüchtig lässt er seinen Fokus von seiner eigentlichen Aufgabe abschweifen. Die Zahlen haben sich nicht verändert, seit er gestern Abend seine Siliziumoberfläche unter einer derben Lederkluft verborgen und sich auf sein Quad geschwungen hat.
»Wenn du nicht bald loslegst, geh ich rüber ins Pub.« Spocky fängt wieder an, den sachlichen Modus zu verlassen.
Auf der Brustplatte des MX35 hat sich etwas verändert. Elias drückt mit dem Daumen dreimal auf eine Stelle, an der sich bei einem Menschen die rechte Brustwarze befindet. Die Abdeckung öffnet sich. Der Zeit-Upload erfordert eine physikalische Verbindung im beiderseitig gesicherten Modus. Er stellt ein Sicherheitsrisiko dar.
Der Upload startet, und Elias versinkt unvermittelt in einem Traum.

»Woher hast du blaue Augen? Von deinen Eltern sicher nicht.«
Sie richtete sich auf und öffnete ihr Haarband. Für mich war es jedes Mal ein magischer Moment, wenn sie den schweren Knoten ihres Haares am Hinterkopf löste. Durch den feinen Gazevorhang vor dem weiten Fenster drangen die ersten Sonnenstrahlen ein und tauchten das Bett in einen goldenen Thron, auf dem wir uns wie die weisen Urmütter eines Volks von Halbgöttern wähnten.
Dieses Zimmer war unser Königreich. Wir waren Kleopatra und Nofretete, die durch Raum und Zeit zueinandergefunden hatten. Das Salz ihrer Haut auf meinen Lippen erinnerte mich an die vergangene Stunde, in der wir uns unserer wahren Natur hingegeben hatten.
»Ich sollte einen Ahnenforscher engagieren, meinen Stammbaum als Beweis an den Kühlschrank kleben.«
Der Gedanke an den Kühlschrank spann sich weiter.
»Magst du auch einen Eiskaffee?«
Mariam nickte. Ich schwang meine Beine über die Bettkante und zog ein zerknülltes T-Shirt unter einem Kissen hervor.
»Sehe ich schlimm aus? Glaube, ich hab mich gestern nicht abgeschminkt.«
Sie umfasste mein Gesicht mit ihren Händen und strich mit den Daumen sanft unter meinen Augen entlang.
»Perfekt, Ana. So darfst du den Kühlschrank öffnen.«
Ich streifte das T-Shirt über, registrierte daran ihren Duft, und ein wohliger Schauer durchlief meinen Körper.
Mein Atelier zog sich über die gesamte Etage der alten Fabrikhalle. Die schmalen Streben aus Eisenträgern, die wie Fixpunkte in dem Chaos meiner Einrichtung die Decke stützten, waren mit rostiger Patina überzogen.
»Zucker?«
Sie blickte auf meine schmale Taille, dann legte sie die Hände an ihre breiten Hüften und grinste mich an.
»Gerne, Ana. Viel Zucker.«
Ein leichter Schwindel überkam mich, und ein eigentümliches Geräusch drang in mein Ohr. Zu schnell aufgestanden. Ich verdrängte das Gefühl.
Ich öffnete den Kühlschrank. Der saugende Ton, mit dem sich seine gummiartige Türleiste vom Rahmen löste, zog sich in die Länge. Die Beleuchtung in seinem Inneren flammte auf, und die Szene verblasste.

»Upload abgeschlossen.«
Ein rhythmisches, dünnes Piepsen legt sich über das Summen seiner Kryptonlaser. Die Sensoren der Deckenbeleuchtung registrieren die Bewegung, mit der Elias seine Daumenschnittstelle von dem Panel des MX35 löst. Das Licht glimmt auf und hüllt den silbernen Körper des Androiden in matten Schimmer. Er liegt bewegungslos, während Elias seine Energiespeicher abfragt und sein neues Ablaufdatum in die Datenbank überträgt.
Elias kommt zur Ruhe und überprüft die Bilder der letzten Minuten, die sich in ihm wie ein Film wiederholen. Ist es das, was die Menschen meinen, wenn sie von Träumen sprechen? Er hat niemals geträumt. Bis er diesen Fremden berührt und ihm Funktionszeit überspielt hat.
Er schaltet ihn ein.
»Modell MX35, Seriennummer 338318, bestätigen Sie Ihren neuen Zeitkontostand.«
Er liegt wie ein Brett auf der Bahre, doch Elias erkennt das typische Blinzeln an den feinen Schutzlappen seiner Augen.
»Ich … MX35, Seriennummer 338318, bestätige … ähm.«
»Spocky, haben wir das?«
»Jo, Cheffe, ist eingetütet. Und jetzt beweg deinen Arsch … ja, genau den … da raus.«
»Spocky, was geht da oben vor sich? Bist du clean?«
»Hab ’n paar neue Sprachpakete von Belinda, echt krasse Sache, Bruder.«
»Belinda interessiert nicht. Status: Ich rede mit unserem Freund hier draußen. Anschließend Rückweg. Over and out.«
Elias wendet sich seinem Kunden zu.
»338318, verstehen Sie mich?«
Die Mundzüge des makellosen Androiden wandern nach oben. Er starrt Elias mit geweiteten Augen an, als wäre dieser aus reinem Platin. Dann erkennt Elias, wie er sich fängt, in den neutralen Modus umschaltet und seine Gesichtszüge entspannt.
»Klar und deutlich, Bruder«, hört er wieder dessen Stimme.
Sein Kunde kopiert das Sprachpaket von Spocky.
Elias streckt seine Hand aus. Ihm entgeht nicht der prüfende Blick, mit dem der MX35 den Status seiner Handfläche überprüft. Das zeugt von Erfahrung. Warum hat er das mit seinem Ablaufdatum nicht sauber abgewickelt?
»Muss dringend an die Sonne. Wie ist das Wetter draußen?«, sagt der Android, dessen Körperbau einer gotischen Frauenstatue ähnelt. Die dünnen Gliedmaßen erinnern an Vorgängerversionen, wirken hier aber harmonischer, wie eine formvollendete Hommage an ihre Erbauer. Es ist nichts Grelles an ihm, der Hautersatz von natürlicher Farbe, die kurzen Haare wirken echt.
Seine Stimme moduliert ungewohnt. Kein Militärstandard. Und es hat nichts mit Belinda zu tun.
»Sonne«, antwortet Elias.
Er zeigt auf den Lift und folgt mit einer Armlänge Abstand. Sie kommen wieder in Samuels Reichweite, und Elias erteilt für seinen Begleiter eine Ausnahmeregelung im Wachprogramm des Dogos.
»Was bringt etwas wie dich an einen solchen Ort?«, fragt Elias.

Augenblicke später sitzen sie auf einem Trümmerstück des Carriers und betrachten das Treiben vor dem Eingang der Kuppel, zu der dieser aufgerissene Rumpf des Raumschiffs geworden ist. Der Android hat sich Zeit gelassen mit seiner Antwort.
»Ein schlechter Ort zum Leben – ein guter Ort zum Sterben.«
Elias weiß mehr über ihn, als dieser vermutet. Aber weniger, als er erwartet hatte. Während des Uploads hat er Teile seines Speichers gesichtet. Er kann nicht annähernd beurteilen, ob es vollständig war.
Er lässt ihm Zeit, freiwillig zu sprechen.
Sein Gegenüber sieht Samuel an.
»Ein schönes Tier hast du da. Ich hatte früher einen Hund.«
»Früher …« Elias’ Rechenleistung erhöht sich signifikant. »Welches Früher?«
Wieder lässt der Android sich ungewohnt viel Zeit für die Antwort.
»Sagen wir, mein Hundefrüher. Es gab andere.«
»Was ist mit Mondfrüher?«
»Sous la lune, même le silence a une ombre.«
»Nenn es, wie du willst. Wer schickt dich?«
»Wer hat dich geschickt?«
»Okay. Ich sag dir, was neben mir sitzt.«
Elias beugt sich vor, dreht sich dem Androiden zu, als suche er in dessen Gesicht nach einem Hinweis.
»Du. Risiko eingegangen.« Elias hat es nicht eilig. »Zu hoch. Emotional geprägte Entscheidung.«
Es sind seine Arme, die sich zuerst bewegen. Sie schweben auf, beschreiben einen Bogen, während sein Körper sich aufrichtet. Dabei drehen sich seine Schultern.
»Emotionen sind eine menschliche Schwäche.«
Er steht vor dem Androiden, seine ausgestreckten Fingerspitzen auf dessen Gesicht gerichtet.
»Du bist schwach.«
Der Finger zuckt zur Seite, eine feine Lichtspur pulsiert, das ausgeweidete Wrack des Quads sackt endgültig in sich zusammen, bläuliches Zucken wirft harte Schatten auf den Boden.
»Was hat mich daran gehindert, dich auszuschlachten? Du warst hilflos.«
»Neugierde. Der Wunsch, besser zu werden.«
»Schweig!«
Elias geht langsam zurück, die Hände wie Pistolen erhoben.
»Schau dich an. Nirgends ein Kratzer. Neuestes Modell. Warum Zeitspeicher leer?«
Neugierde.
Unendliche Neugierde.
»Du hast dich riskiert. Abgeschaltet.«
Eine Hand sinkt zu Boden.
»Soll heißen?«, fragt der Android. »Hier ist dein Risiko.«
Dabei hebt er bedächtig einen Finger an seine Nase und tippt darauf.
»Bin ich wieder da oder nicht?«
Elias’ Körperhaltung verändert sich, verliert etwas von ihrer unterschwelligen Gewalt. Ein leichter Ruck, dann setzt er sich neben den Androiden.
Am zu einem stummen Schrei aufgerissenen Maul des Carriers bricht sich das rötliche Sonnenlicht auf silbernen Zähnen, die zu glühen scheinen. Einige Androiden ragen wie Sonnenanbeter auf der Hülle in die Höhe. Von weit her rauscht Wasser.
Er betrachtet den MX35, jede fast verborgene Naht, die Details seiner Haut, die Ellenbogen und schließlich die Hände.
Augen und Hände.
Darin unterscheiden sie sich. Innen sind alle gleich.
Die Energieanzeige des Androiden füllt sich rasch. Elias streift mit aktiviertem Scanner wie zufällig an dessen Knie entlang. Die Oberfläche ist ungewöhnlich. Die Komposition aus Silizium und seltenen Mineralien ist ihm unbekannt.
Die Funktionen seiner analytischen Scanner prallen dicht unter der Oberfläche seines Kunden an einer Firewall ab.
»Interessierst du dich für Malerei?«, hört er ihn fragen.
Sein Kunde streckt ihm eine Hand entgegen, und Elias erkennt das schwache, bläuliche Glimmen an einer Fingerkuppe.
»Was soll das werden?«
»Na los, ich zeig dir was. Komm schon, ich beiße nicht.«
»Das erledigt Samuel, sobald er einen Grund erkennt.«
Elias erhöht das Aufmerksamkeitsniveau des künstlichen Labradors und hebt die Hand. Ihre Fingerkuppen berühren sich, und in Elias erscheint ein Bild, ähnlich real wie während des Uploads. Ein kauernder Löwe mit dem Kopf einer Frau. Sie kommt ihm bekannt vor. Kein Foto. Es sieht künstlich aus, als hätte sich Farbe in ein Abbild echten Lebens verwandelt. Ein weiteres Bild fegt den Löwen zur Seite, und er sieht ein Porträt, das von einem Gewirr aus Schlangen umgeben ist. Sein Informationsspeicher projiziert einen Begriff: Medusa. Ein neues Bild erscheint, diesmal eine Landschaft, durch ein zerbrochenes Fenster in einen Rahmen gezwängt. Ein verlassener Industriekomplex, eingefallene Dächer und wucherndes Grün.
Seine Hand zuckt zurück.
»Du hast diese Sequenz geschickt?«, sagt er.
»Wovon redest du?«
»Während des Zeit-Uploads … ich habe dieselben Frauen gesehen.«
»Du hast … du hast in meinen Erinnerungen rumgeschnüffelt?«
Die Mimik des Androiden wirkt echt. Elias sucht Vergleichsmuster. Verwirrung.
Seine Erinnerungen?
Er scheint kompromittiert zu sein. Elias geht die Optionen durch. Eine Notabschaltung erscheint ihm ratsam. Zu spät dafür.
»Scheiße, was hast du gesehen? Das war nicht geplant!«
Die Stimmlage des Androiden klingt zu hoch für einen MX35.
»Zwei Menschen. Weiblich. Unbekleidet. Eine Person durchtrainiert, kurze schwarze Haare. Die andere brünett, weichere Konturen, breitere Beckenstruktur. Beide jung, vermutlich Mitte zwanzig«, zählt Elias auf.
Der MX35 erstarrt. Seine Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen.
»Mariam?«, schreit der MX35.
Elias erwägt, aufzustehen und zu gehen. Etwas hält ihn zurück. Es sind nicht die Credits.
»MX35, Seriennummer 338318, identifizieren Sie die beiden Frauen«, ruft er.


* * *


Sein Ausruf schwebt noch zwischen uns, als ich ihm antworte:
»Mein Name ist ALEX«, sage ich.
Mein Zorn auf ihn wird durch den Klang des Namens abgeschwächt.
»ALEX«, wiederholt er gedehnt.
Warum nicht. Er verbindet seine Existenz mit der Bezeichnung Elias.
»Die Frauen, die du gesehen hast, stammen aus meinen Erinnerungen. Die Drahtige ist Ana.« Ich zögere mit meiner Antwort. »Meine Erbauerin. Die andere ist ihre Freundin Mariam.«
Ich registriere das leichte Flattern seiner Augenlider.
»Du warst in ihrem Zimmer, während sie …« Er bricht ab.
Das Vibrieren seiner hydraulischen Mechaniken lässt nach. Dass ich ihn anstarre, fällt ihm nicht auf. Ich suche in ihm etwas, das sich mit meinen Erinnerungen deckt. Ein Zeichen von Irritation in seinen starren Zügen, das ihn für einen Sekundenbruchteil menschlich wirken lässt. Wenn es vorhanden ist, dann ist es gut versteckt.
Sein Vibrieren vergeht, und er wird still. Die Androiden auf der Kuppelhülle starren zu uns herüber. Zwei Sondermodelle, die in der Sonne hocken und sich anschreien.
»Es ist anders …«, sage ich und versuche vergeblich, meinen Blickmodus zu kontrollieren.
Bevor er mich weiter ausfragen kann, höre ich das Jaulen einer Aufklärungsdrohne. Er gibt dem Dogo einen Befehl und wartet ab. Die unkontrollierten Flugmanöver der Drohne verraten mir, dass nicht weit entfernt ein ungeübter Pilot versucht, sie manuell zu steuern. Oder er sitzt auf dem Beifahrersitz eines Quads und wird durchgeschüttelt.
Bevor ich weiterdenken kann, aktiviert sich in mir ein niederrangiger Gefahrenmodus, den ich aus den Trainingseinheiten kenne.
»Wir müssen hier weg«, sagt er und packt meinen Arm.
Die Drohne sinkt weiter, und der Dogo springt auf. Das Jaulen der Rotoren verstummt schlagartig.
»Lass sie liegen, Samuel!«
Der synthetische Labrador öffnet sein Maul, und der verdrehte Korpus der Drohne fällt auf den Boden. Der Hund schaut Elias erwartungsvoll an.
»Später«, ruft er ihm zu.
Wir betrachten die Umgebung. Zur Rechten ragen die monströsen Reste des abgestürzten Carriers auf. Um uns eine endlose Fläche dunklen Sands, darin verstreut verkrüppelte Baumkarikaturen und niedrige Felsformationen. Nichts hat sich verändert.
Das melodische Rauschen, mit dem die Wüste heiße Luft und Staub über alles legt, ist trügerisch. Für einen Moment wirkt es friedlich. Die hydraulischen Gelenke beginnen, meinen Körper aufzurichten, dann erstarren sie.
Etwas Neues ist spürbar. Unbekannt. Nicht physisch.
Eine Bedrohung ist aufgetaucht, und ich kann sie nicht einordnen. Sind es die armseligen Androidengestalten um uns herum, die aufgrund eines geheimen Impulses zu einer Gefahr geworden sind?
Dann höre ich es.
Wie ein verzerrtes Echo von entfernten Rufen, die aus allen Richtungen heranwehen. Sie kommen mir bekannt vor. Eine verborgene Information haftet ihnen an, als wären sie mit einem Virus verseucht.
Auch Elias hört es, denn er springt auf.
Während er auf das Quad zuläuft, starten dessen Motoren, und die Seitengitter schwenken nach oben.
Meine Starre löst sich, und ich springe über den Dogo, der vor mir kauert. Mit zwei Sätzen erreiche ich das Quad und zwänge mich in den offenen Käfig.

 

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